Überraschende Dynamik

Nachdem am Donnerstag dem 6. Januar ja hier in den südlichen Bundesländern aufgrund des Katholikentums ja noch ein Feiertag war, hatte ich mich entschlossen, ob dem einsetzenden Tauwetter, den langen Lauf vorzuziehen, was sich im Nachhinein als Fehler herausstellen sollte. Nicht weil ich nicht fit gewesen wäre, sondern die Wegbeschaffenheiten waren alles andere als günstig für einen gemütlichen langen Lauf. Ich war ganz offen, was die Streckenlänge anging, und ohne konkretes Ziel los gelaufen, in der Hoffnung auf bereits abgetauten Wegen mich bewegen zu können. Die Icebugs hatte ich zuhause gelassen und war mit den XA Pro von Salomon unterwegs, einem ganz anständigen Trail-Schuh mit leider nicht ganz wasserdichter Gore-Tex-Aussenhaut. Bereits auf den ersten 1000 Metern habe ich bemerkt, dass es eher schwierig werden könnte, denn bei jedem Schritt war der Untergrund ein anderer, glattes Eis und sulziger Schnee wechselten sich genauso mit griffigem Asphalt bzw. Feldwegboden und nassem Matsch und knöcheltiefen Pfützen ab. Es war katastrophal, ich konnte nicht gedankenverloren dahinlaufen, sondern musste mit voller Konzentration jeden Schritt voraus planen. Richtig schlimm wurde es in den Weinbergen, richtig große Eisplatten machten das Laufen zu einem Glücksspiel und ich vollführte das eine oder andere Mal einen einsamen Pas de deux, natürlich ohne „deux“ 😉 Bergauf konnte ich noch auf die Grasnarbe am Wegesrand ausweichen, sofern vorhanden, und bergab suchte ich den tiefen Schnee, ebenfalls sofern vorhanden. Im Wald war es dann etwas erträglicher, allerdings war auch hier jeder Schritt ein Wagnis und musste gut geplant werden, ich versuchte ein paar Trails und Wege quer durch den Wald, was mir aufgrund des aufgeweichten und meist schon nicht mehr gefrorenen Waldbodens recht rasch nasse Füße bescherte. Nach zwölf Kilometern spürte ich schon meine Oberschenkel schwer werden, wie ich es schon lange nicht mehr kannte und ich entschloss mich den geteerten Radweg zur Verbindung in das nächste Waldstück zu nutzen. Just als ich den Wald verliess fing es an zu regnen und ich hatte böigen Gegenwind, was für ein Spass. Ich meine mich lachen gehört zu haben. Richtig lachen musste ich dann als ich den Radweg erreichte, der war nämlich noch mit circa 50 Zentimeter Altschnee zugeschüttet und damit nicht begehbar. Mir blieb daher nichts anderes übrig als die glücklicherweise nur wenig befahrene Strasse zu benützen, denn zurück in den Wald und damit die große Schleife durch den Schurwald zu erlaufen hatte ich keine Lust mehr und wahrscheinlich würde auch die Kraft nicht reichen. Auf den nächsten zwei Kilometern begegnete ich keinem Auto und ich konnte dann wieder zwischen die Bäume eintauchen und machte mich sofort auf verschlungenen schmalen Pfaden auf den Weg durch den Wald in Richtung Weinberge. Ich war der Erste ausser den vielen Tieren, deren Spuren zu erkennen waren, der hier durch den bereits 12 Tage alten Schnee lief. Das machte trotz der schweren Oberschenkel richtig Spass. Den Abstieg durch die Weinberge erledigte ich nicht auf den vereisten und sulzigen Wegen, sondern quer durch die Weinberge selbst, denn hier war ein Großteil des Schnees verschwunden oder noch so griffig, dass ich sicher laufen konnte. Nach 2,5 Stunden und nur 20,5 Kilometern mit 400 Höhenmetern war ich dann ziemlich erschöpft wieder zuhause. Kein langer Lauf, obwohl gefühlt waren es mindestens 30 Kilometer 😉

Am Samstag wollte ich eigentlich warten bis der Regen Einzug hält, aber die Nachmittagssonne war mehr als verführerisch, so dass ich bei 14°C in kurzen Tights und leichten Laufschuhen um kurz nach 14.00 Uhr auf die Strasse trat. Bereits auf den ersten Metern war eine Befreiung und Erleichterung zu spüren, die sogleich eine gewisse Dynamik entfachte. Ich fühlte mich fast schon schwerelos und es „flog“ sich ausgezeichnet. Die ersten vier Kilometer waren die Wege fast schon trocken und die Sonne wärmte das Gemüt. Dann am ersten kurzen Anstieg war der Weg komplett vereist und nur schwer zu laufen. Der anschliessende steile und schnelle Abstieg ins Tal war dagegen nur nass und gut zu laufen. Mit Schrecken habe ich dann die Nebel aufsteigen sehen und die gefühlt zehn Grad niedrigere Temperatur wahr genommen. Hier war ein richtig kaltes Loch und ich hatte noch mindestens drei Kilometer durch die Senke zu laufen. Also gab ich noch etwas mehr Gas, allerdings liess der Schnee und das stellenweise hier vorhandene Eis keinen sicheren Tritt zu. Erst als ich im Wald den langen Anstieg erlief, wurde es mit jedem Schritt wieder spürbar wärmer und je höher ich kam, desto eis- und schneefreier wurden die Wege. So etwas nennt man wohl partielle Inversionswetterlage. Im Sommer ist es hier auch häufiger im Tal deutlich kühler, da es ein ausgedehntes und sehr wasserreiches Biotop gibt. Kaum hatte ich den Wald auf der Anhöhe verlassen musste ich mit ordentlich viel Tempo einen Spaziergängerslalom absolvieren. Ich konnte nicht langsam laufen, die Füße waren wie entfesselt. Wie Margitta es schon beschrieben hat, das Gefühl der Leichtfüßigkeit war zurückgekehrt. Man hatte mir ein Gewicht an den Füßen entfernt und es machte soviel Spass, dass ich noch zwei Serpentinen in den Weinbergen dazu gefügt habe und nach schnellen 90 Minuten den Lauf beendete. Sonne, Tempo und die wiederentdeckte Dynamik des Laufens waren die wesentlichen Elemente des gestrigen Laufs und ich konnte trotz der Geschwindigkeit jeden Meter geniessen. Der Winter hat mit Sicherheit noch Schnee und Eis für uns parat, deshalb war das trockene und milde Intermezzo gestern ein besonderes Ereignis. Heute folgte dann ein kurzer und regenerativer Regenlauf nur für mich 😉

Salut

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Über DocRunner

Bin besessen von allem was ich anpacke: Beruf, Familie und natürlich vom Laufen. Besessenheit ist für mich Erholung und Genuss, Gleichgültigkeit bedeutet Stress und Langeweile. Mein Lebensmotto hört sich martialisch an, gründet aber auf täglicher Erfahrung und drückt meinen Wunsch aus: Stirb wenn es Zeit ist. Zeige alle Beiträge von DocRunner

11 responses to “Überraschende Dynamik

  • ultraistgut

    Schönes Wochenende gehabt zu haben, das kann man aus deinen Worten entnehmen, ein buntes Allerlei, Quälerei, aber auch viel Freude, besonders während deines letzten Laufes.

    Man hatte dir ein Gewicht von den Füßen entfernt, ja, genauso habe ich es auch empfunden, schön, immer wieder schön, bei dir Erlebnisse zu finden, die meine sein könnten !

    Danke !

    Nun bist du gut gerüstet für die neue, sicherlich anstrengende Arbeitswoche.

    P.S. Auch du liebst anscheinend die Veränderung – ich auch !

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    • docrunner

      Liebe Margitta,
      das Quälen kann auch Freude machen, wie Du ja nur zu gut weißt und manchmal braucht es diese Erfahrung um die anschließende Unbeschwertheit wieder genießen zu können, aber wem erzähl ich denn das 😎
      Dein heutiger Beitrag hatte mich inspiriert, den erdachten Post ein wenig zu erweitern, allerdings war das Gefühl, genau das beschriebene. Noch ein ausgedehnter Lauf am morgigen Nachmittag, dann hat mich die Arbeitswoche wieder…

      Salut

      PS: Mit dem bisherigen Blogdesign war ich nicht sehr zufrieden und es wurde Zeit 😉

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  • Täglichläufer

    Mein lieber Christian,

    die von Dir beschriebenen Witterungsverhältnisse sind die gleichen, wie ich sie derzeit erlebe. Ich könnte Deinen Text kopieren und ohne Probleme bei mir einfügen, von der Temperatur abgesehen. 😉 Momentan stellt das Laufen eben seine Herausforderungen. Solange wir wohlbehalten zu Hause ankommen, kann nur der Spaß obsiegen. Und wie man sieht, wirken sich jene Bedingungen sehr erschöpfend aus.

    Deine Temperaturen überraschen mich einmal mehr. Das sind schon fast sommerliche Werte. Die befreiende Schwerelosigkeit und Leichtigkeit des Seins im gefühlten (scheinbaren) Frühling ist nur die logische Folge davon, wie belebend, gell? Die Winterhindernisse sind temporär mehrheitlich ausgeräumt und schon wissen wir das entfesselte Laufen wieder so richtig zu schätzen – so empfinde ich zumindest. Bis dereinst wieder die Routine einzieht.

    Weiterhin entfesseltes Laufen voller Kraft in Kombination mit der Würze des geliebten Regens!

    Liebe Grüße

    Marcus

    P.S. Du hast mich mit Regenläufen schon wieder überflügelt. Ich hinke hinterher. 😉

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    • docrunner

      Lieber Marcus,
      der Wetterumschwung hat etwas Gutes, ein Intermezzo, was uns den nächsten Schnee- und Wintereinbruch nur noch mehr geniessen lässt und glaube mir, der wird kommen. Ich mag es allerdings nicht mehr, wenn der Lauf zur puren Glückssache wird, wenn jeder Schritt droht eine Verletzung mit sich zu bringen, dann wird es auch mir zu extrem und ich versuche die Strategie zu ändern, am Donnerstag war es fast so weit 😉
      Die warmen Temperaturen am gestrigen Tag waren mir unheimlich, v.a. der massive Unterschied zwischen beschriebener kalter Talsenke und den sonstigen sehr milden zweistelligen Graden. Dennoch war das Tempogefühl ein sehr gutes Gefühl und der Grad der Anstrengung war nicht größer als die Tage zuvor beim Schlurfen durch den tiefen Schnee 🙂
      Regenläufe hatte ich zwei, wieviele wohl noch kommen werden in 2011? Ich wünsch Dir baldmöglichst den nächsten nach dem heutigen 😉

      Salut

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  • Brigitte

    Lieber Christian!

    Von warmen 14 Grad und Sonne kann ich hier nur träumen. Wir hängen wieder in einem Nebelloch fest. Es ist kalt, nass und sehr ungemütlich, teilweise auch recht eisig.

    Am Katholenfeiertag (ja das sagt Marcus immer *g*) hast du ordentlich Kilometer gemacht – Respekt.

    Der Lauf gestern hört sich für mich schon etwas gemütlicher an – was das Wetter anbelangt. hihi

    Ich wünsch dir einen schönen Sonntagabend
    Pfiat di
    Brigitte

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    • docrunner

      Meine liebe Brigitte,
      ich wünsche Dir, dass die gestrigen Temperaturen auch bei Dir kurz vorbei schauen und die Sonne Dich grüßt. Bei uns gab es heute Dauerregen bei lauen 10°C, was optimales Laufwetter bedeutet. Die Kilometer sind mir nicht so wichtig, viel mehr ist die Qualität der verbrachten Zeit wichtig, wenn Du verstehst was ich meine 😉 Der „gemütliche“ Lauf gestern war so befreiend und so erfrischend, ich kann es gar nicht richtig beschreiben. Ich wusste jede Minute, dass ich genau das tun wollte, schon irgendwie komisch 😉

      Einen guten Wochenanfang wünsch ich Dir

      Salut

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  • Laufhannes

    Ich weiß schon, warum ich in der letzten Woche den Wald noch gemieden habe. Ab und zu kann ich auch nur quer durch die Stadt laufen und mir die tollen Waldläufe für das passende Wetter aufheben – Schneematsch und Eis im Wechsel muss ja nicht sein.

    Bei deiner Samstagtour werde ich dann aber ganz neidisch. Was hat mich nur dazu gebracht, mich in der Halle zu verkriechen? x)

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    • docrunner

      Im Nachhinein fand ich es ganz okay mit den widrigen Bodenverhältnissen und meine Oberschenkel haben profitiert.
      Hallensport? Bäh 😉
      Dann doch lieber ein paar flotte und befreite Kilometer 🙂

      Salut

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  • Steffen

    Welch ein grandioses Wochenende mit allem, was sich das Läuferherz nur so vorstellen kann! Abwechslung ohne Ende – da soll mal einer sagen Laufen sei langweilig, weit gefehlt, oder?
    Auch bei uns sind sehr ähnliche Verhältnisse wie du sie beschreibst, eben je nach dem, wo man unterwegs ist. Egal ob das die von dir beschriebenen Temperaturen, zwischen -2 und +12 °C, sind, Sonne und Regen oder eben der Bodenbelag!

    Hach was haben wir ein Glück, das alles erleben zu dürfen, gell?

    Weiterhin schöne und genussreiche Läufe,
    Steffen

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    • docrunner

      Lieber Steffen,
      der, der sagt das Laufen sei langweilig, lade ich immer sofort ein, die nähere Umgebung mit mir zusammen zu erlaufen. Komisch nur, dass dann alle sofort eine andere Ausrede parat haben…das Knie, die Sprunggelenke, der Rücken usw. 😉 Nein, inzwischen sage ich ja auch, dass das Laufen öde und tröge sei, dann kommt schon niemand auf die Idee meine Einsamkeit und den Genuss zu stören 🙂

      Salut

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