Brust oder Keule?

Eine Laufwoche ohne Regen, ohne die Erfrischende Wohltat von weißen Flocken, die die Welt verzaubern und die Landschaft verschleiern. Ja, leider, so war sie fast, die vergangene Woche. Denn am Montag hatte ich etwas Regen und sogar etwas Verirrung, allerdings traue ich mich nicht darüber zu berichten, da es mir peinlich ist. Nur so viel: herrliche zweieinhalb Stunden auf Trails durch den Schurwald um dann beim ins Tal laufen sich in einer Schrebengartenanlage zu verlaufen und sich dann in deren Komposthalde wieder zu finden und glücklicherweise die rettende Richtung zu vermuten. Es war einfach nur…..grandios 😉

Den Rest der Woche musste ich dann still halten, da es momentan an der Achillessehne etwas zuckt, allerdings nur in Ruhe, beim Laufen spür ich nix. Am Samstag sollte dann ein neues Laufterrain erschlossen werden und praktischerweise mit der Pflicht verbunden werden, von der Praxis nach Hause zu laufen. Ich habe das bereits einmal durchgezogen und war sehr angetan von der entspannenden Wirkung, die ich dadurch erreichen konnte. Lockere hügelige 15 Kilometer, wovon nur die ersten drei etwas ätzend sind, da sie durch die Großstadt bzw. deren Ausläufer führen. Dann geht es entlang von Weinbergen und Obstwiesen stetig auf und ab bis zur Haustür. Nicht dramatisch schön, aber im Dunkeln eine Herausforderung, da die Orientierung trotz Stirnlampe etwas eingeschränkt war. Also zurück zum Samstag, denn ich wollte nicht einfach auf dem kürzesten Weg nach Hause, sondern durch die Weinberge aus dem Neckartal hinauf, vorbei an der Grabkapelle Rotenberg und Kernenturm, durch den Schurwald nach Hause. Bewaffnet mit dem Trail-Rucksack und allerlei Essbarem bin ich nachdem ich einige Patienten versorgt habe, bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen 14°C auf die sehr lebhafte Strasse vor der Praxis getreten und enteilte den staunenden und ungläubigen Blicken der einkaufenden und Schaufenster begaffenden Meute. Sehr schnell ging ich die Flucht aus der Stadt an und wurde schon bald mit einem herrlichen Ausblick auf das von Automobilindustrie dominierten Neckartal vom Rotenberg aus belohnt. Die Weinberge hier sind etwas weniger steil, wie die in meinen „heimatlichen“ Gefilden, so dass ich mich rasch im Schurwald  befand. Auf wunderschönen Waldwegen, die teilweise noch sehr matschig waren ging es dann auf der Anhöhe weiter bis ich Anschluss an mein bereits erlaufenes Wegenetz hatte. Es gestaltete sich sehr unspektakulär und eigentlich geschah nichts berichtenswertes, allerdings hatte ich seit langem wieder dieses sonderbare Gefühl – die Psychologen sprechen vom „Flow“, die Presse vom „Runners High“ – verspürt. Es stellte sich ganz unvermittelt ein und wie jedes mal fällt es mir erst auf, wenn es wieder verschwindet, aber den Effekt, den es auslöst, der bleibt. Beschreiben kann und mag ich es nicht, es ist einfach nur schön. Die Strecke bietet sich wirklich für einen heißen Sommerabend an, da ich viele Kilometer im dichten Wald unterwegs war, bis ich dann durch die heimatlichen Weinberge wieder den Weg ins Tal gefunden habe. Nichts besonderes also….

Am Sonntag wollte ich eigentlich nur ausruhen und meine Knochen und Sehnen nur durch etwas Gymnastik auf die Sprünge helfen, aber bereits am Morgen strahlte die Sonne bei 0°C mit aller Macht und so war nach der Bodengymnastik schnell der Plan angepasst. Erst Familie und am Nachmittag dann ein Läufchen, ganz regenerativ und flach. Jedoch waren schon die ersten Kilometer zu schnell und die Sonne spornte mich weiter an. Ungewöhnlich wenig Radler und Spaziergänger befanden sich auf den Wegen an der Rems entlang, so dass ich fast schon eine leichte Einsamkeit erleben durfte. Dann kam der Punkt der Entscheidung, entweder geradeaus weiter noch ein paar flache Kilometer und auf der anderen Flussseite zurück oder nach rechts leicht den Hang hinauf und wieder nach Hause oder nach links den Südhang hinauf und in der Sonne durch die Weinberge laufen. Ich entschied mich für das „Bruststück“ und wandte mich nach links gen Weinberge. Erst ging es gemächlich hinauf zu einem Weiler mit gerade einmal 20 Wohnhäusern, aber mindestens drei Gasthäusern. Dort wimmelte es erwartungsgemäß von Sonntagsausflüglern, also wählte ich den geraden Weg, weiter den Hang hinauf quer durch Obstbaumwiesen bis zur höchsten Stelle, um dann mit langem Schritt durch die Weinberge in der vollen Nachmittagssonne meine Bahnen zu ziehen. Noch einen kleinen Abstecher zum Kleinheppacher Kopf und den Gleitschirmfliegern meine Aufwartung gemacht. Zurück und bergab ging es dann mit ruhigen Schritten und ich fühlte mich nach dem spontanen „Ausritt“ erfrischt und die neue Woche kann kommen. Am Montag habe ich nochmals das Glück bei Tageslicht zu laufen und am Mittwoch und Donnerstag werde ich, wenn die Achillessehne still hält den Heimweg von der Praxis in der Dunkelheit per pedes erledigen, was ist das für ein Privileg, kann ich da nur sagen.

Salut

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Über DocRunner

Bin besessen von allem was ich anpacke: Beruf, Familie und natürlich vom Laufen. Besessenheit ist für mich Erholung und Genuss, Gleichgültigkeit bedeutet Stress und Langeweile. Mein Lebensmotto hört sich martialisch an, gründet aber auf täglicher Erfahrung und drückt meinen Wunsch aus: Stirb wenn es Zeit ist. Zeige alle Beiträge von DocRunner

16 responses to “Brust oder Keule?

  • Brigitte

    Guten Morgen lieber Christian!

    Also jetzt bin ich doch ein bisschen enttäuscht. Gerne hätte ich mehr von deinen Irrweg zum Komposthaufen gelesen. Warum peinlich? Wohl hätte ich wieder herzlich lachen können. Aber ich machs so auch… 😀

    Hattest du beim Lauf von der Praxis nach Hause Essbares mit, falls es dir wieder passiert? *lach*. Sorry, ich stell mir das grad vor.

    Pass bloss im Dunklen auf dich auf und vorallem auf deine Achillessehne.

    Ich wünsche dir eine schöne Woche mit ein paar schönen Läufen.

    Pfiat di

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    • docrunner

      Ebenfalls Guten Morgen liebe Brigitte,
      die Sache mit der Verirrung ist schnell erzählt und deshalb so peinlich, weil es mit etwas Orientierungssinn eher schwer ist sich dort zu verirren. Quadratische Parzellen, schmale Wege und meist zwei Meter hohe Hecken, sprich man kommt sich vor, wie in einem „Labyrinth“. Wenn Du auf dem falschen Weg unterwegs bist, musst Du wieder umdrehen, denn querfeldein geht nicht, die haben sogar Stacheldraht 😉 So landete ich bei der ersten Gelegenheit auf einem kurzen schmalen Weg, der herausführte aus der Anlage, aber halt auch mitten in deren Abladeplatz für Gartenabfälle, so shit happens 😉
      Achillessehne ist kein großes Ding und im Dunkeln laufen ist für mich quasi normal. Auf längeren Ausritten habe ich immer etwas Essbares im Rucksack, ich weiss ja nie, was mich erwartet 😉

      Salut

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  • ultraistgut

    Ach lieber Christian, würde mir ach so gerne einen Hausarzt wünschen, der vor den Augen städtischer Gaffer seinen Heimweg laufend antritt und nicht – wie jeder Normalo – geschwind das Auto besteigt, um sich fahrend nach Hause zu bewegen.

    Flow – was für ein Wort ! Viele habe es vor uns versucht, in die richtigen Worte zu fassen, aber nur die, die es erleben, verstehen es sofort – es bedarf überhaupt keiner Worte, es passiert und ist einfach nur schön, wie man auch bei dir immer wieder lesen darf.

    Was die Achilles-Sehne angeht ist wirklich Vorsicht angesagt, denn das kann eine sehr langwierige, dumme Geschichte werden, aber wem sage ich das ? Trotzdem vielleicht nicht schlecht, wenn noch Warnungen von außen kommen.

    Alles Gute, mon cher Christian ! 8)

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    • docrunner

      Liebe Margitta,
      mein Kardiologe und ehemaliger Kommilitone ist ein Ultra und Triathlet, mein Hausarzt ist fast ausschließlich mit dem Rad unterwegs, Du siehst, es ist hier gar nicht so schwer, die richtigen Menschen/Ärzte zu finden, die vorleben, was sie Tag für Tag predigen 😉
      Der Flow, ja es ist schon etwas seltsames, suchst Du ihn, wirst Du ihn nicht finden und wenn Du ihn nicht erwartest, steht er da, tritt ein und verschwindet, wenn Du ihn bittest zum Essen zu bleiben 😉 Ist nicht von mir, aber der Vergleich ist gut.
      Wie Du weisst höre ich sehr auf meinen Körper und das Zwicken an der A-Sehne ist fast ausschließlich in Ruhe da, im Lauf verschwindet es sofort, ich denke es ist nur eine milde Reizung und ich spür es fast schon gar nicht mehr. Werde aber trotzdem langsam tun, zwangsweise, wenn der Schnee wieder kommt 😎

      Dir auch alles Gute, meine Liebe, Salut

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  • Evchen

    Christian, ich finde es gut, daß Du Deinen Irrgang nur angedeutet hast. Das läßt Raum für Phantasie nd bisher pruste ich bei jedem neuen Gedankenansatz direkt los. 😉
    Irgendwann schaffe ich es auch einmal, von der Arbeit heimzulaufen. Jawoll! Aber 34km (zu Fuß wahrscheinlich noch einige mehr) werden wohl nicht regelmäßig drin sein. Schön, daß Du das kannst. 🙂

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    • docrunner

      Liebe Eva,
      ich möchte gar nicht wissen, was Deine Phantasie alles ersonnen hat, aber: die Gedanken sind frei….
      Es war immer mein Ziel – und ist es immer noch – auf das Auto zu verzichten, so ist es jetzt der erste Schritt, den Arbeitsweg aus eigener Muskelkraft zu schaffen. Als ich noch in der Klinik gearbeitet habe, war die Entfernung mit knapp 40 Laufkilometern auch zu groß, jedoch habe ich als sog. „Freitagsprojekt“ daran gearbeitet. Ich bin immer wieder Teilstrecken davon gelaufen und den Rest mit der S-Bahn gefahren. Vielleicht ist das bei Dir auch möglich?

      Salut

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  • Täglichläufer

    Mein lieber Christian,

    ich bin überzeugt, daß die Situation alles andere als peinlich war. Außerdem finde ich das schön respektive bezeichnend für einen Regen- wie Naturläufer. In der Zivilisation irren und sich in der geliebten Natur ohne Probleme bewegen. In jedem Fall ist dies ein interessanter Ansatz, ich habe auch schon so einiges diesbezüglich erlebt. Auch durchaus „peinliches“. 😉

    Die Blicke der gaffenden Menschenmenge sehe ich richtig vor mir, allein, Du bist selbst schuld, schließlich ist Bewegung doch ungesund! Um die Meute nachhaltig abzuschrecken, hättest Du sie als Begleitung einladen können.

    Vielen Dank für Deinen anschaulichen Bericht. Wenn ich auch Deinen Titel im Laufkontext verstehe, komme ich nicht umhin, eine gewisse kulinarische Assoziation herzuleiten. Brust oder Keule, Weinberg, Wein – köstlich! 😉

    Für Deine Achillessehne alles Gute, mögen die Widrigkeiten nur temporär andauern, um dann für immer zu verschwinden – so daß Du Dein Plan für Mittwoch und Donnerstag ausführen kannst!

    Liebe Grüße

    Marcus

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    • docrunner

      Mein lieber Marcus,
      die Peinlichkeit bestand wirklich darin, dass mit einem gesunden Orientierungssinn – und den habe ich normalerweise auch – eine Verirrung dort fast nicht möglich ist, wenn man nur durch die Anlage hindurch laufen will, mit dem Ziel ins Tal zu kommen 😉 Aber irgendwie sollte es mir nicht so ohne weiteres gelingen.
      Mich kümmern die Blicke fremder Menschen kaum, es war nur sehr auffallend, wie sich alle die Köpfe verdreht haben, ich habe es sogar fast genossen 😉 Nein, ich bin dann doch lieber allein unterwegs, als mich mit Plastiktüten bewehrten Passanten zu beladen, das raschelt immer so 😉
      Deine kulinarische Assoziation kann ich nachvollziehen, allerdings habe ich sie selbst nicht. Die Weinberge sind hier so prägend für die Landschaft und für mich Normalität, wie der Wald auch, weshalb ich nicht an das Produkt denken muss, wenn ich die Reben sehe. Ganz im Gegenteil, die Monotonie der Anlagen, verleitet mich gerade nicht die einzelne Rebe zu sehen 🙂
      Die A-Sehne ist kein großes Thema und ich kenne meinen Körper nach nunmehr 8 Jahren regelmäßigem Ausdauersport. Fehler habe ich viele gemacht und inzwischen habe ich einen Eindruck von dem was geht und was ein Alarmsignal sein kann.

      Salut

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  • Chris

    Du bist ja immer recht lange unterwegs auf deinen Erkundungstouren! Schaust du, welchen Wein du nächsten kaufen möchtest? 🙂

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    • docrunner

      Lieber Chris,
      ich kenne die meisten Weine hier nicht einmal, nur ein paar wenige ausgewählte haben bisher den Weg in meinen Keller und Kehle gefunden. Nur teilweise ist die Lage entscheidend, mehr spielt der „Ausbau“ des Weines eine Rolle, so dass meine Streifzüge schon mit einer Weinprobe verbunden werden müssten um mir ein Urteil erlauben zu können, dann ist das Laufen allerdings nicht mehr so einfach… 😉

      Salut

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  • Daniel Kopp

    die achillessehne neigt bei mir im winter zu reizungen. ich vermute es liegt am vorderfußbetonten laufen an steigungen in verbindung mit schneeauflage.

    grüße
    daniel

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  • Marco

    In FiveFingers aufn Trail bin ich Vorfussläufer. Ansonsten Mittelfuss.

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