Entschleunigung

Das Gegenteil von Beschleunigung, nicht ausschliesslich, sondern auch Entspannung und Zufriedenheit, so würde ich Entschleunigung definieren. Wikipedia schreibt: „Die Entschleunigung zeigt Wesensmerkmale der Faulheit und Muße, ohne wie diese negativ besetzt zu sein“. Soso, ich verstehe etwas anderes darunter bzw. ich darf es oft genug erleben. Momentan ist es intensiver als ich es bisher gekannt habe, was vielleicht an der fehlenden Entschleunigung in den letzten zwei Wochen gelegen hat. Ich weiß es ist nervtötend immer nur von dem tollen Gefühl beim Laufen zu lesen, alle die sich angesprochen fühlen, sollen jetzt wegklicken, denn es wird richtig heftig.

Nach der Hektik des Alltags, den vielen Schicksalen und dem langen Zuhören ist es fast schon ein Ritual in die Lauftights zu schlüpfen, das Shirt überzustreifen und in die FiveFingers zu gleiten um dann mitten vor einem Bürogebäude in der Landeshauptstadt auf ausreichenden Satellitenempfang für den ForeRunner zu warten. Ich beobachte dabei immer sehr genau die Menschen, die vorübereilen, mit ihren Besorgungen beschäftigt, in einem unerhörten Tempo den Gehweg entlang huschend. Nur wenige Blickkontakte ergeben sich mit diesen Passanten, denn sie sind zu sehr mit sich und dem Alltagsstress beschäftigt. Spätestens jetzt atme ich tief durch, obwohl es die Luft hier nicht wert ist, aber dieser Atemzug bedeutet für mich, schon den ersten Schritt in die Entspannung getan zu haben.

Loslaufen, über die Gehwege der Großstadt, langsam den Anstieg Richtung unverbauter Natur hinauf, durch die Straßenbahnunterführung, über die S-Bahn-Trasse und eine Hauptverkehrsstraße und zu guter Letzt durch ein ruhiges Wohngebiet mit Einfamilienhäusern von privilegierteren Zeitgenossen am Rande des städtischen Molochs führen die ersten Kilometer der Entschleunigung und schon beginnt mein Schritt leichter zu werden. Spätestens an diesem Punkt war mir der sagenhafte und abenteuerliche Himmel aufgefallen am Montag, denn die Wolken türmten sich zu schwarz-grauen Türmen auf, und rechts und links blitzten Streifen von blauem Himmel gespickt mit weißen fluffigen Wölkchen auf, auch die Sonne schien durch weiße Wolken hindurch, als ich die ersten Schritte in die Weinberge einläutete. Ab hier wird es einsamer und die Entschleunigung steht kurz vor dem Höhepunkt. Der Anstieg ist teilweise recht steil, jedoch funktioniert die Lauftechnik ohne überhaupt darüber nachzudenken optimal, Schrittlänge wird verkürzt und die Schrittfrequenz geht nach oben, so gelingt fast jede Steigung bis zu einem gewissen Grad, ohne ein merkliches Mehr an Anstrengung.

Das Maximum der Entschleunigung habe ich dann erreicht, wenn ich den Wald betrete, auf der Anhöhe, ein letzter Blick in das hinter mir liegende Neckartal bzw. auf das vor mir liegende Remstal. Zu meinen Füßen der Weg durch einen dichten und fast immer angenehm klimatisierten Mischwald. Jetzt beginnt es, das Dahingleiten und es war gestern wirklich so, unbemerkt führten meine Beine eine glatte und runde Bewegung aus, auf meinem Gesicht stellte sich wieder einmal dieses grenzdebile Lächeln ein, was Mitläufer von mir kennen, wenn es mal so richtig gut läuft. Keine Mühe, kein Stress, nur wenig natürliche Geräusche drangen an mein Ohr. Später dann sollte der Wind auffrischen und ein leichter Nieselregen erfrischte mich zusätzlich, so dass ich die Armlinge überstreifen musste, da ich zu frieren begann, und das im August. Der Frust, die Last und die Anspannung des Arbeitsalltags lagen hinter mir und ich erreichte einen Zustand der Entspannung, den ich auf einer Couch niemals erreichen werde. Ein zweistündiges Crescendo der Entspannung und Zufriedenheit. Dieses Geschenk der Entschleunigung möchte ich nicht missen und hoffe noch lange genießen zu dürfen.

 

Salut

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Über DocRunner

Bin besessen von allem was ich anpacke: Beruf, Familie und natürlich vom Laufen. Besessenheit ist für mich Erholung und Genuss, Gleichgültigkeit bedeutet Stress und Langeweile. Mein Lebensmotto hört sich martialisch an, gründet aber auf täglicher Erfahrung und drückt meinen Wunsch aus: Stirb wenn es Zeit ist. Zeige alle Beiträge von DocRunner

30 responses to “Entschleunigung

  • Marco

    Liest sich sehr entspannt und macht Lust auf mehr.

    Sehr schön das du deinen Weg wohl gefunden hast. Ich hänge mal wieder im Mentalen Lich fest. Es ist echt blöde zur Zeit.

    LG
    Marco

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    • DocRunner

      Lieber Marco,

      ja, glücklicherweise bin ich seit über einem Jahr so und nicht anders unterwegs und konnte die ganze Unrast und Hektik abstreifen, die mich vorher immer wieder beim Laufen eingeholt hatte. Die mentalen Löcher kenne ich auch, nur sind sie nicht mehr allzu tief und ich kann einfach herausspringen. Ich hoffe es gelingt Dir auch relativ schnell, ein Patentrezept gibt es leider nicht 😉

      Salut und Kopf hoch

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  • Gerd

    Genauso!
    Mehr erwarte ich eigentlich gar nicht vom Laufen. Alles andere ist Zugabe!
    Lass uns weiter Entschleunigen!

    Wobei Du bei deinem letzten Video schon ein flottes Tempo an den Tag legst. 😉

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  • Täglichläufer

    Lieber Christian,

    außer zustimmendem Nicken wie Schweigen kann man zu diesem Beitrag nichts sagen. Jeder wahre Läufer wird Dich mehr als verstehen. Wobei nur verständnisvolles Schweigen der Thematik angemessen ist. Die törichte Welt der Zivilisation hinter sich zu lassen, in die Wälder aufbrechen – das Land der Zufriedenheit im Laufschritt betreten und fühlen, fühlen, fühlen! Was gäbe es noch zu sagen?

    Du beschreibst das als Entschleunigung – ich wünsche Dir von Herzen, daß Du das noch lange, lange höchst genußvoll erleben darfst! 🙂

    Liebe Grüße

    Marcus

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    • DocRunner

      Lieber Marcus,

      Du hast es treffend ergänzt obwohl ich die törichte Welt der Zivilisation oft nicht missen möchte ist sie in diesen Momenten überflüssig und nur das Gefühl und die mentale Aufnahme entscheiden über den Benefit, den man aus einer solchen Situation mitnimmt. Ich hoffe auch, dass ich und natürlich auch all die anderen, die ähnlich empfinden, noch sehr lange dies erleben dürfen.

      Salut

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  • ultraistgut

    Heya, heya, mon cher copain Christian,

    das isses, ja genau das isses, was wir mögen, du hast es in höchster Vollendung beschrieben – Entschleunigung – das isses.

    Den stressigen Alltag hinter sich bringen, langsam dann Ruhe in der Natur finden, abschalten, sich wohlfühlen, genießen und dann “ mit grenzdebilem Lächeln “ (das möchte ich sehen !!) zu Hause befreit ankommen.

    Wie gut ich dich verstehen kann, und wenn du entschleunigt weiterhin deine Kreise ziehst, musst du dir keine Gedanken machen, dass das dir das genommen werden sollte.

    Merci – je pense comme toi !! 8)

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    • DocRunner

      Liebe Margitta,

      vielen Dank für Dein Kompliment, aber es waren nur die Gedanken des gestrigen Praxis-Nachhauselaufs, die ich niedergeschrieben habe. Noch ganz selten durfte ich es so intensiv erleben und das grenzdebile Lächeln habe ich nur selten im Gesicht, da muss dann fast alles stimmen, was aber bei einem Lauf mit Deiner Gesellschaft sowieso der Fall wäre 😎
      In den letzten zwei Wochen durfte ich wieder demütig lernen, das Gesundheit kostbar ist und deren Abwesenheit auf Dauer mich sehr negativ beeindrucken würde, und gerade deshalb funktioniert es gerade so gut.

      De rien ma chère et une bonne semaine

      Salut

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  • Saba

    Entschleunigung – so isses und soll es auchs ein 🙂

    Meine „Feierabend“läufe entwickelten sich auch zu einem richtigen Abschaltritual – danach bin ich wirklich zuhause und hab den Tag hinter mir gelassen.
    Im Moment versuche ich das trotz Trainingsplan stressfrei beizubehalten…

    LG Saba

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    • DocRunner

      Ja, Saba, Rituale sind wichtig und Abschalten ist etwas, was die meisten Menschen erst wieder lernen müssen und was ist besser geeignet als Laufen? Nichts, ich habe alles versucht und nur das Laufen funktioniert optimal. Raus aus der Praxis und 15 bis 25 Kilometer am Abend durch Großstadt und Wälder lassen mich entschleunigen, nicht immer funktioniert es, aber meist ist der Inhalt meiner Gedanken, dann ein anderer. Schön, dass es auch andere kennen…

      Salut

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  • Deichlaeufer

    Tja, wundert es mich da noch, dass ich das Laufen während einer psychosomatischen Kur für mich entdeckte? Deinen Beschreibungen ist nichts hinzufügen.

    Grenzdibeles Lächeln, schöner Ausdruck… Das ein oder andere Mal hatte ich schon die Befürchtung ob dieses Lächelns wegen in die Psychatrie eingewiesen zu werden. Bis dato ist das zu Glück noch nicht passiert 🙂

    LG Volker

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    • DocRunner

      Nein, Volker, es wundert mich nicht. In meiner Zeit als Arzt in der Psychiatrie haben wir eine Laufgruppe gegründet und die meisten Patienten, die es geschafft haben mitzumachen, waren schon ein Stück weiter auf dem Weg der Genesung. Laufen ist Balsam (Medizin) für die Seele, wenn es mit Vernunft betrieben wird.
      Das Lächeln macht uns nicht zu Irren, aber es hilft ungemein für einen solchen gehalten zu werden 😉

      Salut

      PS: Ruf mich an, wenn Du auf der geschlossenen Station bist, ich pauk Dich raus 😀

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  • Rainer Neubert

    Hallo Christian,
    am liebsten würde ich deinen Text als Laufkolumne verwenden, so treffen hast du das beschrieben. Mit deiner Erlaubnis werde ich ihn als Anregung verwenden. Du hast die Philosophie des Laufens so treffend beschrieben. Genau diese Muße und Leichtigkeit ist es, die ich immer wieder anstrebe.

    Der Kopf wird frei, der Körper leicht. Lass uns laufen! 😀

    Liebe Grüße
    Rainer

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    • DocRunner

      Lieber Rainer,

      darfste ruhig verwenden, mit einer entsprechenden Quellenangabe versteht sich, sonst kommen noch Plagiatsvorwürfe auch im ernsthaften Journalismus auf und nicht nur in der Politik 😉
      Es war ein hartes Stück Arbeit, dieses (mentale) Niveau zu erreichen, dazu musste ich ernsthaft sieben Jahre Laufen und jeden Fehler mitnehmen, den man machen kann. Keinen hab ich ausgelassen, dennoch ist es jetzt umso schöner zu entschleunigen und zu genießen.

      Salut

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  • Pienznaeschen

    Würde man mich fragen, ich würde behaupten das ist das aller schönste und wertvollste was Laufen überhaupt bedeuten mag / sein kann!!

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  • Steffen

    Oh wie kommt mir das doch soooo bekannt vor…und…warum sollte ich diesen wunderbaren Entschleunigungsartikel nicht lesen….?
    Nein, genau dies ist es doch, warum wir uns die Laufschuhe schnüren, nicht wahr?
    Und wenn dann noch ein Nieselregen das Ganze krönt….perfekt.
    Couch…was bitte ist das? Ganz ehrlich, für mich nichts zur Entspannung, eher zur Verspannung; verbringe ich nämlich zuviel Zeit darauf, so tun mir die Schultern weh…..

    Schöner Artikel Christian, danke dir dafür!

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    • DocRunner

      Danke, mein Lieber,
      wir kennen es alle und trotzdem vergessen wir es im Alltag immer wieder. Es funktioniert fast ausschließlich beim Laufen, ist schon seltsam. Wir sollten diese Momente noch mehr schätzen und uns immer wieder in Erinnerung rufen.

      Salut

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  • Daniel Kopp

    alleine die tatsache in die natur zu treten bedeutet schon entschleunigung für mich. schnelligkeit oder intensität der sportart rücken für mich dabei in den hintergrund. hauptsache draussen!

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    • DocRunner

      Morgen Daniel,
      wie ich schon häufig geschrieben habe spielt die Geschwindigkeit oder die Distanz kaum mehr eine Rolle, die Intensität nur dann, wenn es um das Gefühl beim Laufen geht und nicht ums Profil 😉 Deine Einstellung hat mir schon immer gefallen, und ich bin froh, auf meine Art, auf einem ähnlichen Level angekommen zu sein.

      Salut

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      • Daniel Kopp

        für mich ist das mit der lauferei derzeit der beste kompromiss aus natur, bewegung und abschalten. leider kann ich aufgrund familie nicht mehr so hohe umfänge absolvieren wie früher, aber irgendwie bin ich mit meinem derzeitigen level auch zufrieden, da weniger verletzt.
        man muss sein gleichgewicht finden zwischen familie und sport, alles andere unter umständen egositisch. noch funktioniert es. fraglich bleibt, wie es der kleine sieht wenn er man ein paar monate älter ist. aktuell ist er er ja erst 10 monate alt 🙂

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        • DocRunner

          Tja, Daniel, das ist ein nimmer enden wollendes Thema in der Zukunft, den Kompromiss aus „egoistischer“ Freizeitgestaltung und familienfreundlichen Laufzeiten. ich kann das bei Dir sehr gut nachvollziehen, umso mehr werden die wenigen Stunden beim Laufen genossen. Nun stell Dir noch einen Beruf vor, der Dich täglich 12 Stunden in Anspruch nimmt, und 3 Kinder, und eine Frau, die auch mal was von Dir haben wollen, dann bist Du da angekommen, wo ich mich befinde 😉 Es wird ein Drahtseilakt bleiben und es heißt immer auf allen Seiten zu verzichten, aber mit gegenseitiger Rücksichtnahme kommen alle auf ihre Kosten.

          Salut und noch einen schönen Urlaub

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