Stille

Nicht nur in den besinnlichen vorweihnachtlichen Tagen, sondern an jedem Tag des Jahres, spielt Ruhe und Innehalten für mich eine große Rolle. Gerade im Moment ist es ein absolutes Vergnügen, dies wieder während eines Laufes im Wald, alleine mit mir selbst und doch nicht einsam, durchzuführen. Dieses Innehalten bringt mir extrem viel Energie und Gelassenheit, dadurch gewinne ich wieder Stressresistenz für den Alltag und kann mich viel besser auf den wiederkehrenden täglichen Wahnsinn konzentrieren. Komischerweise klappt es nicht aus dem Stehgreif, nein, dazu muss ich raus in die Natur und ich muss laufen. Eine gewisse körperliche Anstrengung gehört einfach dazu. Nur so, meine Arbeit zu unterbrechen, vor die Tür zu treten und durchzuatmen, bringt nicht annähernd den gleichen Effekt. Umso wichtiger sind die Streifzüge, nach der langen Laufpause, durch die Wälder meiner Umgebung. Am vergangenen Wochenende hatte ich mehrere solcher Momente und so wurden sie zu meinen mentalen Energieriegeln 🙂
Am Samstag konnte ich nach Gartenarbeit und Haus-auf-Vordermann-bringen in meine FiveFingers schlüpfen. Leider muss ich momentan mit dem Auto an den Waldrand fahren, da mein Laufpensum noch sehr restriktiv ist und ich ehrlich gesagt, die wenigen Kilometer nicht auf asphaltierten und von Autos frequentierten Wegen verbringen will. Also fuhr ich auf einen etwa drei Kilometer entfernten Wanderparkplatz und bereits beim Aussteigen aus dem Wagen, bemerkte ich eine Aufgeregtheit und innere Anspannung. Der Lauf sollte diesen Zustand vollkommen besänftigen, was ich aber in diesem Moment noch nicht ahnte. Die ersten zwei Kilometer ging es bergan durch die Weinberge auf den Schurwald, die Waldwege sehen hier teilweise katastrophal aus und auch die Aussicht ist alles andere als schön, Baumfällarbeiten haben den Wald gelichtet und schweres Gerät die Forstwege zerpflügt. Ich war froh nach kurzer Strecke den Weg zu verlassen und bog auf einen einsamen Pfad ab, der mich in das dichte Baumwerk hineinführte. Auf verschlungenen schmalen Wegen erlief ich die Höhe und freute mich umso mehr, als ich endlich auf einem großen Feld am Waldrand zur ersten inneren Ruhe kam. Zwei Rehe standen nicht weit entfernt von meiner Position im lichten Unterholz und schienen mich nicht zu bemerken. Ich blieb stehen und entspannte meine Schulter- und Armmuskulatur. Eine ganze Heerschar von Vögeln sorgte für ein Konzert der besonderen Art und es machte sich Zufriedenheit bei mir breit. Nach einer Minute bewusstem Atmen und dem Genuss der frischen harzigen Waldluft verfiel ich wieder in die so geliebte Bewegung.
Weiter führte mein Weg auf dem Grasstreifen zwischen Acker und Wald quer zum Hang und nach wenigen hundert Metern verschlang mich das Dickicht und ich fand mich im Wald wieder, der Untergrund war weich, aber nicht schlammig, so dass das Laufen sehr angenehm war. Einige Mountainbiker waren heute hier schon unterwegs, es zeigten sich immer wieder grobstollige Profile im schwarzen feuchten Boden.
Nach dem ich den höchsten Punkt des heutigen Laufs erreicht hatte, ging es auf einem sogenannten Kultur- und Landschaftspfad vorbei am Naturfreundehaus hinunter auf einen breiten Forstweg. Nicht sehr weit davon entfernt biegt ein versteckter und wilder Pfad ab, hinunter in ein schattiges Tal. Die Temperatur ist hier immer einige Grad niedriger als auf dem restlichen Schurwald. Der Weg hinunter ist ein herrlicher mit Baumwurzeln gespickter Abhang auf weichem Waldboden. Momentan muss ich mich bei solchen Streckenabschnitten aber zurücknehmen und deshalb stieg ich mit langsamen Schritten den Hang durch den dichten Baumbestand hinunter. Auf halber Höhe hielt ich an und begab mich in die Hocke, rechts von mir ist eine kleine Schlucht, jedoch ist das Wasser gestaut und ich konnte kein Rauschen des Bächleins vernehmen. Links von meiner Position ist der Baumbestand, und ausnahmsweise stehen hier nur Nadelbäume, sehr dicht. Ich lauschte wiederum dem Durcheinander der Vogelstimmen und plötzlich war er da, dieser seltene Moment der absoluten Stille. Aus Angst ich könnte diesen Moment verlieren, hielt ich die Luft an um die Stimmung auf keinen Fall zu zerstören. Ich hörte das Rumpeln meines Herzschlages, was aber nicht störend wirkte, sondern ganz in der Stille aufging. Ich liebe diese Augenblicke und nur ganz selten sind sie so intensiv oder ich kann sie so nicht wahrnehmen. Ein wohliges Gefühl macht sich in meinem Körper breit und ich erlebe wie sich ein Lächeln im Zeitlupentempo auf mein Gesicht zeichnet. Viel zu schnell ist die Stille wieder vorbei und das Vogelkonzert beginnt von Neuem. Ich verharre noch mehrere Minuten und beobachte und lausche, aber dieser Moment kommt nicht wieder. Ich steige weiter hinab ins Tal und auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinauf in den dichten Wald. Abseits der Forstwege ziehe ich meine Bahnen um nach knapp zwei Stunden wieder am Auto zu stehen, auf dem letzten Kilometer setzte noch ein leichter Sprühregen ein, da frage ich, was willst Du mehr 😉

 

So schön können Höhenmeter sein

 

Sonnenuntergang über dem Schurwald

Salut

Advertisements

Über DocRunner

Bin besessen von allem was ich anpacke: Beruf, Familie und natürlich vom Laufen. Besessenheit ist für mich Erholung und Genuss, Gleichgültigkeit bedeutet Stress und Langeweile. Mein Lebensmotto hört sich martialisch an, gründet aber auf täglicher Erfahrung und drückt meinen Wunsch aus: Stirb wenn es Zeit ist. Zeige alle Beiträge von DocRunner

14 responses to “Stille

  • Deichlaeufer

    Diese Stille will ich nicht stören, mich nur mit Dir freuen, dass Du zwei Stunden unterwegs warst in Deiner geliebten Bewegung!

    Moin Moin
    Volker

    Gefällt mir

    • DocRunner

      Du darfst immer stören, lieber Volker. Mich selbst freut es am Meisten, dass es so vorwärts geht, wenn auch langsam, aber dafür vollkommen beschwerdefrei und das ist mehr wert als Tempo.

      Salut
      Christian

      Gefällt mir

  • Steve

    Fantastisch
    Das klingt doch super. Wünsche dir noch viele dieser tollen Abenteuer auf deinem „Weg der Genesung“…und die Ambit scheint auch wunderbar zu funktionieren 😉

    Viele Grüße

    Steve

    Gefällt mir

  • Weinbergschnecke

    Zauberhaft beschrieben, lieber Christian! Ich wünsch dir noch ganz viele solcher Momente der Stille, die dich wieder „erden“ im Trubel des Alltags.

    Liebe Grüße
    Anne

    Gefällt mir

    • DocRunner

      Danke, Anne,
      zauberhaft trifft es sehr gut, weniger mein Geschreibsel als die Situation selbst. Manchmal wünsche ich mir nichts mehr, als genau diese Momente im Überfluss, aber dann wäre es nichts besonderes mehr 😉

      Salut
      Christian

      Gefällt mir

  • ultraistgut

    Lieber Christian

    du hast dein ganzes Herzblut in diesen Post hineingeschrieben, deine ungestillte Sehnsucht, endlich wieder in deiner geliebten Natur unterwegs sein zu dürfen, wie sehr ich jedes einzelne Wort nachempfinden kann.

    Noch mehr freue ich mich, dass es dir endlich wieder möglich ist, aufzutanken, neue Kräfte zu sammeln, nachdem es dir so lange versagt war.

    Zwei Stunden, kein Wunder, dass dein Text so ausführlich und so emotional beschreibt, was du dabei empfunden hast.

    Ich freue mich für dich – und zum Schluss noch ein wenig Regen obendrauf, irgendjemand schien zu wissen, dass es genau das ist, was dir besonders Freude macht.

    Bleibt dir zu wünschen, dass du in Zukunft wieder regelmäßig deine geliebten Runden drehen kannst.

    A bientot, mon cher copain ! 😎

    Gefällt mir

    • DocRunner

      Liebe Margitta,
      oh ja, das Auftanken, die mentale Dusche in der Natur ist eine Erlösung und ich bin mehr als froh, dass ich – wenn auch sehr langsam – wieder nach draussen darf und die Natur und den Wald genießen kann. Erstaunlicherweise merke ich rein gar nichts mehr von der Fraktur und selbst im unwegsamen Gelände mit hartem Untergrund verhält sich der Fuß absolut ruhig. Die Angst ist schon fast nicht mehr da, allerdings bin ich sehr vorsichtig.
      Du findest meinen Beitrag ausführlich? 😆 Ich hätte noch Stunden damit verbringen können die Worte zu wiederholen auf der Suche nach dem alles erklärenden Wort, so dass auch Nichtläufer begreifen können, was dieses Gefühl so besonders und einzigartig macht…okay, ich hör schon auf 😉
      Der Regen war das Sahnehäubchen, gestern durfte ich wieder einen Lauf im Sprühregen genießen, allerdings hat das zart grüne Blätterdach, den meisten Tropfen den Durchgang zu mir verwehrt.

      Vielen lieben Dank, ma chère, et

      Salut

      Gefällt mir

  • Täglichläufer

    Lieber Christian,

    meine folgenden Worte darfst Du im Flüsterton lesen, um schlichtweg die Stille, welche Deinen Beitrag beherrscht nicht zu stören. 😉

    Ich will mich nicht wiederholen, trotzdem kann ich nur schreiben, daß ich Dich sehr gut verstehe. Das sind so seltene Momente, die ihresgleichen suchen – die Zeit verdichtet sich scheinbar und ja, man verliert sich selbst darin, ein Strudel oder Sog, der alles vergessen läßt. Ich freue mich, daß Du das wahrlich genossen hast, denn jene Augenblicke sind sehr kostbar.

    Und was willst Du mehr? Ganz klar. Noch mehr Regen. 😉

    Ich wünsche Dir gute Besserung, möge Dein Weg der Regeneration weiterhin positiv sein.

    Und genieße die Stille. Leise. Wann immer Du kannst. Mit Genuß.

    Liebe Grüße

    Marcus

    Gefällt mir

    • DocRunner

      Lieber Marcus,

      Du darfst ruhig schreien, denn ich befinde mich momentan mitten in der Großstadt, mit ihrem abscheulichen Lärm, der sogar die Fenster teilweise durchdringt (Tatütata) 😆
      Genau wie Du es beschreibst, ein Strudel, ein nicht abzuwehrendes Etwas, was einen gebannt ausharren lässt und das Ende nicht selbst bestimmen zu können, was einen fast wahnsinnig macht. So war es und leider kommt es nicht so häufig vor, allerdings hatte ich gestern an einer anderen Stelle im Wald wieder ein ähnliches Erlebnis…wenn das so weitergeht, werde ich noch Wanderprediger 😛
      Ich habe zum Glück keinerlei Beschwerden, was die Restitution sehr angenehm macht. Mit dem langsamen Tempo kann ich mich inzwischen anfreunden, da es etappenweise auch mal etwas schneller voran geht. Nur mit den Distanzen und v.a. den schnellen bergab Passagen bin ich noch vorsichtig, aber ich habe doch auch Zeit. Kein Ziel, dem ich hinter her renne, sondern nur das Laufen an sich, am besten in der Stille und im Regen 😉

      Salut

      Christian

      Gefällt mir

  • SilberLäufer

    Schöner kann man deine Laufeinheit wohl kaum beschreiben, lieber Christian. Da spürt man förmlich wie dein Herz lachte!
    Ich laufe ja selbst gerne und oft durch den Wald und kann daher jene Menschen überhaupt nicht verstehen, die dabei ihre Stöpsel in den Ohren haben. Obwohl ich Musik liebe, aber da gibt kein rauschendes Bächlein, keine Vogelstimmen und natürlich auch keine Stille. So wie du sie erlebt hast!

    Alles Gute weiterhin – Reinhard

    Gefällt mir

    • DocRunner

      Lieber Reinhard,
      es geht sicher noch schöner, aber mir sind keine besseren Worte und Sätze eingefallen 😉
      Das mit der Musik verstehe ich schon und ich bin auch häufig mit „Ohrstöpsel“ unterwegs, nur sobald ich den Wald betrete wird die Musik ausgemacht und die Kopfhörer kommen runter, denn sonst könnte man wirklich was verpassen.

      Nochmals vielen Dank und ein Salut nach Kärnten

      Christian

      Gefällt mir

  • Rainer Neubert

    Schön! Ich freue mich für Dich und danke Dir dafür, dass Du mich auf dieser Tour mitgenommen hast. Ich habe die Bilder im Kopf. Und diese Ruhe kenne ich. Da könnte man die Welt umarmen.

    Bald kannst Du wieder so leichtfüßig wie eh und je die wiechen Waldwege genießen. Spätestens dann werden mich deine Beschreibungen erneut in Versuchung bringen, es mit dem minimalistischen Laufen zu probieren.

    Do it!

    Rainer 😀

    Gefällt mir

    • DocRunner

      Versuchung ist immer gut, lieber Rainer, ich erliege ihr nur zu oft 😉
      Das mit der Leichtfüßigkeit hoffe ich doch sehr, das wird jedoch noch dauern und ich wünsche Dir erstmal Durchhaltevermögen und schnelle Beine für Deine Zielzeit. Danach hast Du dann sicherlich auch wieder Muse einer evtl. Versuchung zu erliegen 😎

      Salut

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: