Spontane Phantastomanie

Was das ist? Ich würde sagen, es ist eine wunderbare Phantasie, die nur in meinem Kopf  existiert, die aber dann doch Wirklichkeit wird und ich kann nicht genug davon bekommen und kaum mehr aufhören, ich will immer mehr. So oder so ähnlich würde ich diese Wortschöpfung erklären wollen, aber viel einfacher, wahrscheinlich nicht für Jeden nachvollziehbar, ist es, wenn ich über den gestrigen Lauf berichte, denn genau das ist mir passiert 😎

Der Samstag war vollgestopft mit Arbeit und Terminen und so saß ich da und schielte zwischen Bürokratie und Internet immer wieder aus dem Fenster und schaute dem unaufhörlichen Regen zu, der mal stärker, mal schwächer vom Himmel fiel. Die Sehnsucht vergrößerte sich mit jedem Blick nach draussen. Beim Kommentieren auf Volkers Blog habe ich dann schon in weiser Voraussicht den Lauf angekündigt und frech in Aussicht gestellt, dass ich barfuß losziehen wolle. Ich laufe sehr gern barfuß wenn es regnet und die Temperaturen waren mit 12°C sehr passend. Als dann endlich gegen 15.00 Uhr die Zeit gekommen war, entschied ich mich doch für die Trailschuhe, was sich als Vorteil erweisen sollte, da auch geschotterte Passagen mit eingeplant waren und die sich nicht so gut barfuß laufen lassen. Es war nur die übliche Trailrunde geplant über etwas mehr als 15 Kilometer, allerdings kam es dann spontan ganz anders.

Die ersten drei Kilometer ging es flach, teilweise auf Asphalt und schon bald auf Feld- und Wirtschaftswegen raus aus der Zivilisation entlang an einem angeschwollenen kleinen Bächlein entlang, hinein ins Tal. Ich bekam schon einen ersten Eindruck, was mich noch erwarten sollte, die sonst sehr festen Wege waren vom Regen aufgeweicht und liessen mich immer wieder schnalzend und schmatzend die Füße aufsetzen. es regnete Bindfäden, was ich persönlich sehr mag und ich konnte mich kaum erinnern solch optimale Bedingungen erlebt zu haben. Als ich endlich den Wald erreicht hatte umfing mich diese angenehme Einsamkeit und die Forstautobahnen waren in einem jämmerlichen Zustand, was mir extremes Vergnügen bereitete, da brauchte es fast keine Trails mehr. Doch schon bald eröffnete mir die erste bergan Trailpassage den Blick auf noch mehr Matsch und Modder.

Erster Anstieg hinein in den Wald

Bereits auf den ersten Metern musste ich mich bremsen um nicht sämtliche Energie zu verballern, aber irgendwie passte alles, der Regen, der Untergrund, die Stimmung und dieses absolut schöne Gefühl, sich etwas Wunderschönes zu gönnen, was einem keiner nehmen konnte. Die ersten Schweißtropfen rannen über mein Gesicht und ich wusste, dass ich mich weiter zügeln musste.

Immer weiter nach oben auf schmalen Pfaden

Die Wege waren teilweise durch abgeknickte Bäume und viel Gehölz schwer zu laufen, und ich musste mich schon bergauf sehr konzentrieren. Der Untergrund war teilweise kaum erkennbar durch das viele Laub am Boden, welches durch die Nässe rutschig und glitschig war. Große Pfützen und Matschlöcher hatte ich erst bemerkt, wenn ich mitten drin stand und das eine oder andere mal zerrte der Morast an den Schuhen, so dass sie fast stecken geblieben wären. 250 Höhenmeter weiter oben ging es dann auf einem erdachten Pfad am Waldrand entlang bis zur Landstrasse, aber selbst hier war nichts los, also drüber und weiter bis der richtige Trail links von mir auftauchte und der Wald mich wieder verschluckte. Ein paar Meter bergab und dann nach ein paar hundert Metern auf dem Remstal-Höhenweg wieder auf den „Jägerpfaden“ relativ eben von Hochsitz zu Hochsitz.

Welliges Gelände im Wald

Kaum zu bremsen ob der genialen Bedingungen

Irgendwann spuckte mich der Wald wieder aus am Rande eines Feldes und ich musste abermals die Landstrasse überqueren. Kurz entschlossen nahm ich die Forstautobahn um wieder ins Tal zu gelangen und den eben gelaufenen Trail nochmals zu beehren. Allerdings umfing mich schon die Dämmerung und daher war es bereits etwas schwieriger die Füße richtig aufzusetzen, aber gerade das hat mich herausgefordert und einen Höllenspass gemacht. Als ich dann wieder auf dem Bergrücken ankam entschloss ich mich den Heimweg anzutreten, denn die geplanten 15 Kilometer waren schon lange Makulatur und mich plagte der Durst. Also quer durch den Wald, vorbei an der Landeswasserversorgung, die ganzjährig hier einen Trinkwasserbrunnen unterhalten. Das Wasser war eisig kalt, aber es war bitter nötig. Den Heimweg durch die Weinberge beschritt ich dann in der Dunkelheit und erfreute mich an den vielen Lichtpunkten in den umliegenden Dörfern. Nach drei Stunden und ein paar Minuten und etwas mehr als 600 Höhenmeter stand ich dann vor Dreck und Stolz strotzend vor der Haustür und begann mich aus den Klamotten zu schälen, während meine Lieben mir Handtuch und Klamotten reichten. Der erste begeisternde lange Lauf seit Wochen, alles hat gepasst. Solche Bedingungen und dazu noch die grenzenlose Einsamkeit, die ich bei diesem Lauf erleben durfte, hatte ich noch nicht oft, umso mehr war die spontane Verlängerung gerechtfertigt.

November Trail from Doc Runner on Vimeo.

Salut

Christian

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Über DocRunner

Bin besessen von allem was ich anpacke: Beruf, Familie und natürlich vom Laufen. Besessenheit ist für mich Erholung und Genuss, Gleichgültigkeit bedeutet Stress und Langeweile. Mein Lebensmotto hört sich martialisch an, gründet aber auf täglicher Erfahrung und drückt meinen Wunsch aus: Stirb wenn es Zeit ist. Zeige alle Beiträge von DocRunner

26 responses to “Spontane Phantastomanie

  • ultraistgut

    Mein lieber Christian,

    YES !!

    Ich freue mich rieeeeeeeeeeeeeeeesig für dich, das ist mal ein Bericht, da lacht das Herz, schon bei den Fotos, die du bei FB veröffentlicht hast.
    Deine Freude spüre ich bis hier her an die Ostsee über einen tollen Lauf, den du seit langem nicht mehr in dieser Form hattest.

    Das isses – nur das !!!

    Bien fait, mon cher !! 😎

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    • DocRunner

      Merci beaucoup, ma chère copine, c´est vrai!

      Gestern haben die Endorphine wirklich verrückt gespielt, ich hätte gerne noch ein paar Meter dran gehangen im Wald, aber nach den vielen Wildschweinspuren und da die Stirnlampe in der Praxis lag, war es vernünftiger den Lauf zu beenden. Nächstes Mal muss ich einfach früher los

      Vielen dank nochmal

      Salut
      Christian

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  • Running Zuschi

    Einfach geil… 🙂 deine Detaillierten Beschreibungen lassen einen fast beim Lesen selbst laufen. Und deine Erlebnisse beweisen einmal mehr… Der schönste Spielplatz ist draußen in der einsamen Natur… Und bei solch einem Wetter kommt das Tuepfchen auf dem I dazu!
    Wie schoen ist es ein Laeufer/ eine Läuferin zu sein 😉

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    • DocRunner

      Du hast so Recht Zuschi, ich kann eigentlich nichts ergänzen zu Deinem Kommentar, deshalb hüll ich mich in Schweigen 🙂 Und das Mitnehmen war beabsichtigt, schön, dass Du es genau so aufgenommen hast.

      Salut
      Christian

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  • Daniel Kopp

    Grandios Christian, mich ließ das Regenwetter heute eher wenig motiviert starten. Das diese Bedingungen auch Spaß bringen können zeigst du. Ich frei mich schon auf den Schnee und habe eben beschlossen, auch mal wieder einen Film zu machen.

    LG
    Daniel

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    • DocRunner

      Naja Daniel, der Regen ist einfach mein Ding und dann noch die komplett aufgeweichten Trails, das war gestern einfach super. Zum Glück hatte ich mal wieder die GoPro dabei, so dass Photos und Video obligatorisch waren. Mach ruhig auch mal wieder ein paar Videos, falls Du eine GoPro brauchst, ich habe eine übrig 😉

      Salut
      Christian

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  • Jana

    Da ist man fast verärgert darüber nicht dabei gewesen zu sein … 😉 … ein toller Bericht!
    Schönen Sonntagabend noch und liebe Grüße
    Jana

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  • midlifecrisis65

    Klasse! Und dann auch noch so ein schönes Video, dass man am liebst sofort raus will in den Wald. Ich glaube, an diesem Lauf hätte ich auch viel Spaß gefunden. Aber an diesem Wochenende stand – bis auf den Regen – das genaue Gegenteil an: Jede Menge Menschen – keine Ruhe – asphaltierte Wege. Aber es war auch schön.

    Ich freue mich über Deine Freude!

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

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    • DocRunner

      Lieber Rainer,

      Du bist herzlich eingeladen zum Mitlaufen, allerdings kann ich Dir keine Garantie geben, dass wir dann ähnlich grandiose Bedingungen haben werden 😉
      Das ist es, was mich an solchen Laufveranstaltungen stört, viele Menschen, Gedränge und Lärm, da renn ich lieber alleine quer durchs Gemüse, aber Du musst ja, von Berufs wegen :mrgreen:

      Salut
      Christian

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  • Anna

    Wunderschöne Laufbeschreibung, super Bilder und dann das tolle Video noch dazu – wenn da das Läuferherz nicht ein wenig höher schlägt… Man richtig spürt deine Freude am Laufen und so was ist sehr ansteckend! 😉 Einfach herrlich zu lesen und sehen! Danke!
    /Anna

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    • DocRunner

      Danke Anna, es freut mich, dass es Dir gefallen hat mitzulaufen 😉 Freude am Laufen ist das Wichtigste und ohne geht es nicht, deshalb lauf ich auch ohne Plan und ganz spontan, da gibt es kein Muss und keine Don´ts, nur so und nicht anders taugt das Laufen für mich.

      Jederzeit wieder
      Salut
      Christian

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  • LocalZero

    Christian, solche Läufe sind unbezahlbar – und genau in dem Moment, in dem man merkt, dass es heute noch viel mehr Kilometer werden können (und sollen) macht sich diese einzigartige Läuferlockerheit breit. Da schadet dann auch kein „erdachter Pfad“, das macht alles einfach nur noch Spaß.

    Fazot: Eine prima Jahreszeit zum Laufen. Und schön, dass Du wieder auf den langen Kanten unterwegs bist. Vielleicht klappt es ja 2013 mit dem Remstal-Höhenweg. Sag auf jeden Fall Bescheid 😉

    Viele Grüße
    Lars

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    • DocRunner

      Morgen Lars,
      Läuferlockerheit war es, was mich so beflügelt hatte und es war selten so präsent wie am Samstag.
      Den Remstal-Höhenweg habe ich vorerst auf Eis gelegt, werde im Winter die eine oder andere Etappe, die ich noch nicht kenne mal ablaufen und dann mal sehen, was 2013 kommt, aber falls ich es anpacke, sag ich Dir Bescheid, würde mich über Deine Begleitung freuen 🙂

      Salut
      Christian

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  • Deichlaeufer

    Lieber Christian!

    Aus jedem Satz, aus jedem Foto, aus dem Video spürt man die Euphorie, die Du bei Deinem Lauf gehabt hast.

    Klasse, dass Du so einen perfekten Lauf erlebt hast und das über drei Stunden und 600 HM, grandios.

    Ich freue mich mit Dir 🙂

    Moin Moin
    Volker

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    • DocRunner

      Danke lieber Volker,

      es war wirklich unbeschreiblich schön und die Bilder und der Text können das gar nicht zum Ausdruck bringen, wie ich es genossen habe. Es ist schon lange nicht mehr passiert, dass ich nicht mehr aufhören konnte und wollte 😎
      Für wahr, grandios konnte man den Lauf wirklich nennen.

      Eine angenehme Woche wünsch ich Dir

      Salut
      Christian

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  • Täglichläufer

    Lieber Christian,

    so sehr ich Dir diesen spontanen, phantastomanierenden Genuß auch gönne, lese ich Dein Erlebtes in fast neidischer Form, was kausal darin begründet liegt, daß ich erst nachschlagen mußte, was Du mit „Regen“ und „Bindfäden“ meintest. Beneidenswert, einfach nur beneidenswert! Es sei Dir von Herzen gegönnt. 🙂

    Das sind genau die Läufe, die irrelevant wie lange sie dauern, wie weit man schlußendlich läuft – immer zu kurz sind. Welch ein Dilemma. Und doch, gerade jene Momente verkörpern die tiefste Zufriedenheit, die es beim Laufen nur geben kann. Zumindest meiner Interpretation nach.

    Merci für die nassen Worte, es war herrlich, Dich gedanklich zu begleiten.

    Nasse Grüße und Salut, 😉

    Marcus

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    • DocRunner

      Lieber Marcus,

      Dein Post war doppelt und dann sogar im Spam gelandet, unerhört 😉

      Neid ist fehl am Platz, obwohl ich in den letzten 10 Tagen 6 Läufe im Regen hatte, so eine Serie hatte ich noch nie, aber manchmal muss auch ich Glück haben. Heute musste ich dann drauf verzichten, nur bewölkter Himmel und Nebel.
      Diese Läufe, bei denen alles passt und dann noch der Enthusiasmus erwacht, sind höchst selten und ich kann mich kaum an den letzten dieser Art erinnern. Fürwahr, sie verkörpern Zufriedenheit und maximale Freude, ich denke, ich hatte wieder dieses debile Grinsen im Gesicht, „Riss sardonicus“ wie ich es immer nenne.
      Sehr gerne habe ich Dich mitgenommen und ich bin mir sicher, Du hättest Deine Freude gehabt 😀

      Salut
      Christian

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  • Weinbergschnecke

    Na, das war doch mal ein perfekter Lauf für einen Regenläufer aus Leidenschaft! Danke, dass du mich virtuell mitgenommen hast, lieber Christian! Wie andere schon schrieben: Deine Freude überträgt sich mit jedem Wort auf die Leserinnen und Leser, und man würde am liebsten sofort die Schuhe anziehen und ebenfalls losrennen!
    Ich wünsch dir noch viele solcher Läufe und freue mich darauf, hier in Wort und Bild einige Eindrücke zu bekommen!

    Liebe Grüße
    Anne

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    • DocRunner

      Liebe Anne,

      Danke für den Ansporn und so hoffe ich auch, dass ich noch häufig Ähnliches erleben darf. Allerdings ist mir bewusst, dass solch ein Erlebnis nicht die Regel sein wird und deshalb zieh ich demütig und hoffend meine Runden.
      Wenn Du Dich mitgenommen gefühlt hast, habe ich alles richtig gemacht 😉

      Salut
      Christian

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  • David

    Hey Christian,

    Das größte Leid beim Bürojob ist wirklich nach draußen zu blicken und gleichzeitig an den Stuhl gefesselt zu sein. Es ist super schön zu lesen, dass es bei dir bergauf geht, bzw. läuft. Und um deine Laufstrecke beneide ich dich immernoch. 😛

    Liebe Grüße,

    David

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    • DocRunner

      Danke David, ja mein Laufrevier ist schön und ich empfinde es häufig als Privileg. Es quält einen, wenn man an die Arbeit gefesselt da sitzt und nach draussen schaut, aber manchmal ist die Vorfreude dann ein noch besserer Motivator um anschließend in vollen Zügen zu genießen.

      Salut

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  • David

    Da hast du Recht, Vorfreude an sich ist schon schön und wenn man dann tatsächlich rauskommt, genießt man es doppelt und dreifach. 🙂
    Grüße,

    David

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