Den Hals nicht voll kriegen…

…so oder so ähnlich ging es mir heute. Es ist schon ein seltsamer Winter, ständiger Wechsel von Regen, Schnee und Sonne, sowie zweistelligen Plustemperaturen und dann wieder frostigen Minusgrade. Aber genau so mag ich ihn und ich bin flexibel, sprich wenn der Winter spontan ist, bin ich es auch. Heute Morgen um kurz nach sechs zeigte mir der Blick aus dem Badezimmerfenster eine weisse Winterlandschaft, also wurde der Plan für den Tag während der notwendigen Rasur und Dusche gestrickt. Eigentlich sollte es mit dem Auto in die Praxis gehen, aber kurz entschlossen packte ich die Laufsachen in die Sporttasche und hetzte zur S-Bahn. Der Plan war von der Praxis am frühen Nachmittag nach Hause zu laufen mit einem kleinen Schlenker auf dem Remstal-Höhenweg. Mein Arbeitsprogramm am Vormittag war straff und anstrengend, gegen 13.00 Uhr war der letzte Patient weg und ich konnte mich satt essen, mit Nudeln und frischem Salat, und die leider notwendige Bürokratie erledigen. Endlich gegen 14.45 Uhr war ich dann soweit, noch eine Tasse Kaffee und rein in die Laufklamotten, leider war der Akku der Cam nicht aufzutreiben, also doch ohne Bilddokumentation loslaufen. Als Reminiszenz an das vorhergehende Wochenende ein noch nicht veröffentlichtes Photo.

Locker und entspannt auf einsamen Trails

Locker und entspannt auf einsamen Trails

Die ersten drei Kilometer durch die Stadt, stetig bergan, sind wie immer zu schnell. Da steht der Wunsch im Vordergrund, die Zivilisation möglichst schnell verlassen zu können. Durch ein gewachsenes Wohngebiet mit schmucken Einfamilienhäusern geht es dann langsam auf die grüne Wiese. Nach einer knappen halben Stunde habe ich dann die Weinberge erreicht und ich schraube mich langsam durch knöcheltiefen Schnee auf der Startetappe des Remstal-Höhenwegs auf die Anhöhe hinauf. Beim Blick über die Schulter kann ich den unerwartet schönen Ausblick auf ein weiß gezuckertes Stuttgart erhaschen, aber mich zieht es in den Wald und hinauf auf den Kappelberg. Schon bald weiche ich das erste Mal von der ausgeschilderten Wanderroute ab um über einen schmalen verschneiten Pfad einen Aussichtspunkt zu erreichen, der einen wunderschönen Ausblick auf den Rotenberg und das Neckartal zulässt. Leider ist der Boden unter der frischen Schneeauflage nur angefroren, darunter ist der Matsch und Morast teilweise enorm, so dass ich das eine oder andere Mal wieder fast einen Schuh opfern muss 😉

Weiter geht es auf vereinzelten Forstautobahnen, teilweise schmalen Waldpfaden vorbei am Kernenturm bis zum eigentlichen Abstieg nach Stetten, allerdings lass ich das Städtchen links liegen, und damit meine ich nicht, dass ich es ignoriere, nein, ich umkreise es auf der Höhe um den herrlichen Sonnenschein hier oben genießen zu können. Schon bald tauche ich zwischen Obstwiesen und Weinbergen wieder in den Wald ein. Hier bin ich nicht ganz so vertraut mit den Trails, so dass ich auf den ordentlichen Wegen bleibe, obwohl diese aufgrund der Witterung und des forstwirtschaftlichen Verkehrs teilweise eher einem Truppenübungsplatz geähnelt haben, was mich aber ganz und gar nicht gestört hat. Nach einem netten Schlenker auf einem ausgewiesenen Wanderweg stand ich dann irgendwann in einem gepflügten mit Schnee überzogenen Feld. Ich entschloss mich an dessen Rand entlang zu laufen und wieder durch den Wald in Richtung Strümpfelbach hinunter zu laufen. Auf halber Strecke bergab entdeckte ich einen mir bekannten Trail bergauf, welchen ich wie selbstverständlich in Angriff nahm. Der Zustand war jämmerlich, tiefer Morast unter einer nassen Schneeauflage und das ganze durchzogen von oberirdischen Baumwurzeln, das war Schwerstarbeit nach den bereits zurück gelegten über zwanzig angestrengten Kilometern. Doch der Sonnenschein auf der Höhe lockte immer noch, obwohl sich der goldene Ball immer wieder zwischen Wolken versteckte und so langsam auch den Horizont berühren wollte. An diesem Punkt fühlte ich mich jedoch pudelwohl und hatte das Gefühl noch ewig weiter laufen zu können. Ein letzter Abstecher zum nahe gelegenen Aussichtspunkt, bevor ich mich auf die letzten Kilometer bergab durch die Weinberge begeben habe. So langsam umfing mich die Dämmerung und ich begann mich auf eine heiße Dusche zu freuen. Meine Schuhe und Unterschenkel waren braun vom Schlamm und alles begann sich langsam etwas klamm anzufühlen. Zuhause angekommen zog ich dann Schuhe und Strümpfe aus und lief noch einen Kilometer barfuß über eine Schnee bedeckte Wiese in der Nähe, als krönenden Abschluss sozusagen 😎

Salut und einen schönen Sonntag

Christian

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Über DocRunner

Bin besessen von allem was ich anpacke: Beruf, Familie und natürlich vom Laufen. Besessenheit ist für mich Erholung und Genuss, Gleichgültigkeit bedeutet Stress und Langeweile. Mein Lebensmotto hört sich martialisch an, gründet aber auf täglicher Erfahrung und drückt meinen Wunsch aus: Stirb wenn es Zeit ist. Zeige alle Beiträge von DocRunner

22 responses to “Den Hals nicht voll kriegen…

  • Deichlaeufer

    Da hast Du es Dir ja mächtig gegeben, lieber Christian. Du bist also auch wieder voll auf Höhe, Das freut mich sehr.

    Der ganze Artikel sprüht vor Begeisterung und Genuss. Das ist pure Lesefreude.

    Und dann noch einen Kilometer barfuss durch den Schnee. Hol Dir jetzt bloß nicht gleich wieder einen Schnupfen :mrgreen:

    Einen schönen Sonntag auch für Dich.

    Moin Moin
    Volker

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    • DocRunner

      Lieber Volker,

      den Lauf verbuche ich unter den Besten und den Genussvollsten, obwohl es manchmal weh getan hat, es waren immerhin fast 800 Höhenmeter, eigentlich war es ein Lauf für mein Ego, aber anders als die bisherigen, einfach schön und ich habe mir gewünscht, dass er nie enden würde 😀
      Schnupfen? Vom Barfußlaufen? Sicher nicht, das hat meine Füße richtig belebt, es kribbelt jetzt noch ein wenig 😉

      Salut und Dir auch einen schönen Sonntag, übertreib es nicht..

      Christian

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  • Weinbergschnecke

    Der Beitrag ist die pure Werbung für’s Geländelaufen, lieber Christian! Wie Volker schon schrieb, die Begeisterung ist aus jeder Zeile zu lesen. Eine tolle Schlammschlacht, dieses Mal sogar ohne „Schuh-Opfer“ an die Laufgötter … ach nee, du bist ja Agnostiker! 😉

    Schönen Sonntag und liebe Grüße,
    Anne

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    • DocRunner

      Liebe Anne,

      Werbung wollte ich eigentlich keine machen, sonst wird es so voll auf meinen schmalen Pfaden 😉 Aber wie schon geschrieben, wenn es denn mal läuft, dann scheint es auch zu halten, momentan sind es fast nur Superlative, mich dünkt, dass es auch wieder anders kommen wird …
      Auch wenn ich nicht glaube, ein Schuh-Opfer wirkt manchmal Wunder :mrgreen:

      Salut und einen schönen und sonnigen Sonntag

      Christian

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  • ultraistgut

    Mon cher copain,

    “ wenn der Winter spontan ist, bin ich es auch “ – YES – so sehe ich es auch Spontanität heißt die Devise. Ja, man liest in jedem Wort deine Lauffreude, wie gut ich mit empfinden kann, das Wetter stimmt, du läufst im Hellen, hast vorher gut gespeist, lässt Arbeit Arbeit sein, schaltest ab und holst dir deinen persönlichen Ausgleich, deine Freude beim Laufen danach.

    Dann noch die Krönung: ein Kilometer barfuß über die schneebedeckte Wiese, ich glaube, das könnte ich auch, wie schön warm und durchblutet müssen deine Füße und der ganze Kerl gewesen sein.

    Liest sich verdammt gut und macht Lust – und der komme ich dann gleich mal nach, die Wolken verziehen sich an der Ostsee – die Piste ruft – hörst du ❓

    A bientot, mon cher !

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    • DocRunner

      Liebe Margitta,

      Anpassung ist einfach alles, wenn das Wetter nicht so will, wie wir, dann geht es auch anders 🙂
      Diese Nach-Hause-Läufe mit Schlenker(n) sind einfach eine prima Sache, direttissima 15 Kilometer und je nach Lust beliebig ausbaubar. Der Kopf wird frei und der Feierabend stellt sich so sehr viel schneller ein, ich liebe es.
      Schön, dass es Dir Lust gemacht hat, allerdings denke ich, Du brauchst diese Motivation nicht, die brennt sowieso in Dir 😎

      Salut
      Christian

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  • Brigitte

    Guten Morgen lieber Christian!

    Wie wahr, wie wahr, der Winter ist ein wenig anders. Ähnlich ist das Wetter auch hier bei uns. Im Moment ist wieder mal alles weiß. Was mich nicht unbedingt in die freie Natur treibt, das machen dann schon andere *lach*.

    Man liest richtig heraus wieviel Spaß es dir gemacht hat. Mir natürlich auch, wenn ich an deine Schuhe denke ;).

    Hab einen schönen Sonntag
    Pfiat di
    Brigitte – bin Möbel streichen 😉

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    • DocRunner

      Liebe Brigitte,

      es ist Sonntag und Du bist schon wieder kreativ und fleißig, da wünsch ich Dir viel Spass dabei 😀
      Du weißt wie ich den Winter liebe und v.a. wenn Schnee liegt und es schön kalt ist, da hält mich nichts mehr. Ich brauch glücklicherweise sonst keine Motivation, dass es mich vor die Tür treibt, bei Dir besorgen das dann die „Anderen“ 😉

      Schönen Sonntag wünsch ich Dir

      Salut
      Christian

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  • Anna

    Lieber Christian,

    Lauffreude pur!!

    Ich kann mir den anderen nur anschließen und freue mich über jede Zeile den du hier geschrieben hast. Die Freude und der Spaß am Laufen – einfach nur schön! Ich denke du hast es dir mehr als verdient! Erstens nach so einem anstrengenden Arbeitstag, was gibt es schöneres als den Kopf im Wal frei zu laufen!?! 😉 und zweitens nach Operation und Krankheit! Ich wünsche dir noch ganz viele solche Läufe – für dich zum genießen und auch für uns, die danach darüber lesen dürfen! 🙂

    Liebe Grüße Anna

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    • DocRunner

      Liebe Anna,

      vielen Dank, ich nehm es als Kompliment, obwohl Du mir mit Deinen Skitouren Berichten momentan ziemlich viel Lust auf ein ebensolches Abenteuer machst und wenn alles klappt ist es in zwei Wochen dann auch soweit 🙂
      Das Laufen nach dem Praxisalltag ist etwas absolut entspannendes und ich genieße es mit jedem Schritt.

      Salut

      Christian

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  • Frank Biermann

    Da hast du deinen Feierabend aber bis ins letzte ausgenutzt. Und warum auch nicht denn etwas schöneres um den Kopf frei zu bekommen gibt es ja kaum! Am allerbesten finde ich noch das du den letzten km Barfuß über eine Schneewiese gelaufen bist. Hätte ich die Gelegenheit würde ich das auch tun. Kann mir sehr gut vorstellen das das der krönende Abschluss war! 🙂
    Einen schönen Sonntag wünsche ich dir!
    Frank

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    • DocRunner

      Ja, Frank, einmal im Monat arbeite ich Samstags und wenn alles passt laufe ich bei Tageslicht mit kleinen Schlenkern nach Hause. Ansonsten mach ich das zweimal in der Woche, aber leider immer noch im Finsteren 😉
      Leider kommt das barfuß laufen momentan etwas kurz, wegen einer leichten Knochenhautreizung am Vorfuß, diesmal links, aber ich werde wieder mehr ohne unterwegs sein, nur eine Frage der Zeit.
      Dir auch noch einen schönen Sonntagabend.

      Salut
      Christian

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  • Kornelia

    Das war aber ein ganz besonders schöner Lauf, wie man Deinem tollen Bericht entnehmen kann. Dann noch am Ende einen Km barfuß über Schnee. Boah, das klingt nach Endorphinüberschuss. Das gefällt mir. Ich laufe ja nie barfuss. Vielleicht sollte ich mich auch mal nach so einer Schneewiese umsehen, um es mal auszuprobieren. 🙂
    Wünsche noch ein schönes Wochenende!
    Lieben Gruß
    Kornelia

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    • DocRunner

      Liebe Kornelia,
      normalerweise laufe ich sehr viel barfuß bzw. in minimalistischen Schuhen, aber momentan brauch ich gedämpfte Treter, wegen einer leichten Knochenhautreizung, aber alles halb so schlimm. Ich kann das barfuß laufen nur empfehlen, habe Ende 2010 mit minimalistischen Schuhen begonnen und es bleibt eine Passion, auch auf langen Strecken.

      Salut
      Christian

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  • Täglichläufer

    Lieber Christian,

    mir deucht, Du machst langsam eine Metamorphose zum Schlamm, respektive Sumpfläufer durch. 😉 Aber diese elementaren Momente haben ihren eigenen Reiz, gell?

    Der Winter läßt sich wieder einmal nicht in die Karten gucken und wartet täglich mit neuen Abenteuern auf – derlei kann man nur lieben.Davon nicht genug zu bekommen, kann ich nur zu gut verstehen. In diesem Sinn, würdigen wir diese Welt mit einem genußvollen Lauf.

    Liebe Grüße

    Marcus

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    • DocRunner

      Lieber Marcus,

      ich fühle mich ehrlich gesagt sauwohl im Matsch und Morast, es erinnert mich an meine Kindheit und es macht einfach gnadenlos viel Spass.
      Der Winter lässt uns noch nicht aus seinem Griff und mir persönlich ist es auch ganz recht, ich liebe es durch den Schnee zu pflügen. Und ja, habe die Welt mit einem Lauf gewürdigt und wie 😎

      Salut
      Christian

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  • Einfach Joggen

    Oh mann, deine Flexibilität hätte ich gerne, morgens Sachen mitgenommen und mittags einfach mal nach Hause Laufen! Super! Muss ich auch mal probieren!

    Eine Frage habe ich aber noch: wie machst du immer so klasse Bilder von deinen Läufen?

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    • DocRunner

      Hat nichts mit Flexibilität zu tun, ich bin nur immer gern gerüstet und deshalb habe ich nicht nur im Auto eine zusätzliche Laufausrüstung sondern meist auch in der Praxis, nur manchmal muss noch was spontan gepackt werden 😉
      Die Bilder mach ich mit Serienaufnahmen, alle halbe Sekunde ein Bild, da ist dann immer was dabei, was passt.

      Salut

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