Schmatz!

Hier in Süddeutschland ist ein Schmatz ein Kuss, jedoch meine ich nicht diese Bedeutung des Wortes, wenn ich von Schmatz spreche. Für mich ist „Schmatz!“ das wohltuende Geräusch, wenn die Pfade im Wald und auf den Feldern richtig durchnässt sind und vor Matsch und Schlamm nur so trotzen. Dieses wohltuende und äußerst befriedigende Geräusch, was einem die Sicherheit verleiht, das die Beine verspritzt sind bis zum Allerwertesten und die Laufklamotten keinen Zweifel aufkommen lassen, dass die Waschmaschine einen guten Job wird machen müssen, damit der nächste Lauf mit eben diesen wieder sauber und angenehm begonnen werden kann.

Der Regen in den letzten Wochen hat die Trails in meiner Umgebung in genau diesen Zustand versetzt, bei jedem Schritt schmatzt es und je nach Watttiefe versinkt der Schuh und teilweise habe ich das Gefühl, der Weg mag ihn nicht mehr hergeben. Da zahlt sich eine gute Schnürung aus um nicht unfreiwillig zum Barfußläufer zu werden, was mich nicht im geringsten stören würde, aber nicht so gewollt ist.

Da ich in der letzten Woche beruflich bedingt ein anderes Bundesland besucht hatte und mir dort eine leichte Erkältung zugezogen hatte aufgrund der klimatisierten Vortragssäle, musste mein erster Lauf auf dem oben beschriebenen Terrain noch warten, aber am Sonntagabend konnte ich mich auf einem regenerativem Lauf zusammen mit meiner Frau bereits auf das einstimmen, was mich dann am Montag erwarten sollte. Matsch und Schmodder, knöcheltief, rutschig und kaum Halt bietender, Boden. Ausnahmsweise sparte ich mir den Anlauf von fünf Kilometern bis zum Einstieg in dieses Vergnügen und begab mich mit der Blechdose auf den Wanderparkplatz. Dort angekommen vergewisserte ich mich, dass die Wechselklamotten im Kofferraum liegen und begann mich in das Vergnügen zu stürzen.

Ja, sie waren noch da, die schmalen Wege, abseits der Forstautobahnen, die sich an die Hänge schmiegten und mit welligem Profil langsam nach oben führten. Spuren von Mountainbikern zeugten von einem regen Gebrauch dieser Pfade, aber auch der einer oder andere profilierte Schuhabdruck liess sich entdecken. Ein lichtdurchfluteter Aussichtspunkt war mein Ziel, mit vielen Schlenkern und zweimaligem Verlaufen sollte ich ihn auch erreichen. Der Wald spuckte mich förmlich aus und ich stand im hellen Sonnenschein, ganz ohne Vorwarnung öffnete eine große Wiese den Ausblick auf einen Teil des Remstals. Die ehemals weißen Calves an meinen Waden waren Schlamm verspritzt und hatten die Farbe des Waldes angenommen, die roten Schuhe hatten ihr prächtiges Aussehen auf dem Weg gänzlich verloren und erzählten eine Geschichte von genussvollem und hemmungslosem Suhlen auf herrlichen Pfaden, einfach wunderbar. Der Spätsommer tat das Übrige um für einen fast perfekten Lauf zu sorgen, die Sonne war kraftvoll aber nicht zu heiß und ein Windhauch sorgte für Erfrischung. Nach einer kurzen Verschnaufpause nach den knapp 500 Höhenmetern ging es an den ebenso lobenswerten Downhill. Manchmal auf dem direkten Weg, senkrecht den Berg hinunter und teilweise serpentinenartig am Hang entlang, führte mich der Weg nach einigen Kilometern letztendlich in die Weinberge. Dort fiel ein Teil des Morastes von den Schuhen ab, dennoch nicht so viel, dass das Betrachten des Schuhs nach dem Lauf meinen Stolz schmälerte 😎

Nach etwas mehr als zwei Stunden war ich wieder am Parkplatz und begann mich umzuziehen, als ein älteres Ehepaar auf Fahrrädern den Waldweg entlang kam und freundlich lächelnd grüßte. Unbeirrt schälte ich mich aus den inzwischen braunen Laufklamotten um dann nochmals kurz für ein paar Minuten zu verharren und zu rekapitulieren: es war ein guter Tag mit erfüllten Erwartungen. Der Akku ist voll für den Rest der Woche, die Eindrücke und die Befriedigung würden erstmal reichen um den Alltag ohne zu murren zu bewältigen. Nichtsdestotrotz waren meine Gedanken auch bei Rainer, der sich so langsam wieder ans laufen wagt, ich drück Dir dafür alle Daumen.

Bilder gibt es keine, Kamera und Mobiltelefon lagen zu Hause, warum auch? Dieses Gefühl und diese Eindrücke lassen sich nicht auf eine Speicherkarte bannen :mrgreen:

 

Salut

Christian

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Über DocRunner

Bin besessen von allem was ich anpacke: Beruf, Familie und natürlich vom Laufen. Besessenheit ist für mich Erholung und Genuss, Gleichgültigkeit bedeutet Stress und Langeweile. Mein Lebensmotto hört sich martialisch an, gründet aber auf täglicher Erfahrung und drückt meinen Wunsch aus: Stirb wenn es Zeit ist. Zeige alle Beiträge von DocRunner

34 responses to “Schmatz!

  • midlifecrisis65

    So viel Genuss, lieber Christian! Ich gönne ihn Dir von Herzen. Dass Du dabei auch an mich denkst, freut mich sehr! Ein guter Start in den Tag für mich, auch ohne Laufen.

    Irgendwann wirst Du mich über diese Trails führen. Da bin ich mir sicher. Gerne dann auch mit schmatz 😉

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

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    • DocRunner

      Lieber Rainer,
      selbstverständlich gehe ich mit den Leiden und den Insuffizienzen der befreundeten Laufblogger um, gerade wenn es gut läuft, lehrt es einen etwas demütig zu sein.
      Sehr gerne würde ich Dich über diese Trails führen, allerdings weiß ich gar nicht, wo ich beginnen soll. Die gestrigen gehören jedoch mit zu den Schönsten, da sehr abwechslungsreich und teilweise schön steil 🙂

      Salut und gute Besserung.

      Christian

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  • ultraistgut

    Lieber Christian,

    da ist er wieder der alte Christian, er hat das, was er liebt, Schmatz, Natur, Einsamkeit, Freude am Laufen, Freude am Auftanken. Aus jedem deiner Worte spricht innere Zufriedenheit, du bist in deinem Element, das dir Kraft gibt für eine Woche, um dann wieder mit frischem Elan aufgefüllt zu werden.

    Ich freue mich mit dir, für dich, es gab Zeiten, da habe ich solche Bericht von der vermisst, jetzt haben wir sie wieder !

    Très bien, mon cher, je t’embrasse avec un “ schmatz “ 😉

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    • DocRunner

      Liebe Margitta,

      bei den äußeren Bedingungen geht es gar nicht anders, da muss ich einfach raus und in den Wald. Mir war klar, dass die demotivierte Laufpause zeitlich begrenzt sein wird, genau aus dem Grund, da ich auf ein solches Lauferlebnis nie verzichten mag. Gestern kam die Lauffreude mit jedem Tropfen Schweiß aus meinen Poren. Besser hätte es nicht sein können. Danke für Deine lieben Worte, je t´embrasse aussi.
      Salut
      Christian

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  • Ariana

    Lieber Christian
    In der Schweiz ist „Schmutz“ ein Kuss – was ja irgendwie auch zu Deinem Lauf passen würde 🙂 Ich habe Deinen Bericht sehr genossen und hatte beinahe das Gefühl, dass ich auch ein bisschen dabei bin 🙂
    Liebe Grüsse
    Ariana

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    • DocRunner

      Liebe Ariana,

      vielen Dank, es ehrt mich, dass Du gedanklich durch diesen Beitrag mitlaufen konntest, jeder der den Matsch liebt hat genügend Phantasie um sich einen solchen Lauf vorzustellen 😉

      „Schmutz“ wäre fast noch treffender gewesen, obwohl mir da der geräuschliche Hintergrund fehlt 😀

      Salut
      Christian

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  • Täglichläufer

    Lieber Christian,

    da ich erst vor kurzem ähnliche Läufe unter diesen Bedingungen absolvieren durfte – freilich abgesehen von den Höhenmetern (da sind sie wieder;)) – lese ich Deinen schmatzenden Artikel mit einem besonderen Lächeln der Zustimmung. Was ich auch sehr mag, sind jene Pfützen, die zu Seen mit 25 Metern Ausdehnung werden, entsprechend tief sind und bei der Durchquerung ich mich frage, ob ich noch laufe oder schon schwimme!? Ja, derlei kann man nur lieben. Ich wünsche Dir viele Läufe dieser Art, genieße sie, wann immer Du kannst.

    Liebe Grüße,

    Marcus

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    • DocRunner

      Lieber Marcus,

      komischerweise sind mir große Pfützen suspekt, wobei ein See aus Matsch und Modder immer willkommen sind, aber wahrscheinlich kann ich mich nicht an den Gedanken gewöhnen, wirklich noch anfangen müssen zu schwimmen bei einem gemütlichen Lauf 😉
      Wer den Regen liebt, muss auch die durch ihn verursachten Folgen lieben, denn das eine geht nicht ohne das andere, deshalb wünsch ich uns beiden noch viele Läufe dieser Art, wenn auch bei Dir ohne Höhenmeter 🙂

      Salut
      Marcus

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  • Deichlaeufer

    Schmatz, bei der Überschrift wußte ich schon was Du meinst, lieber Christian.

    Beim Bergwandern habe ich das Geräusch auch so gehört und die Bergstiefel und Regenhose sahen so aus, wie Deine Laufklamotten.

    Schön, mal wieder Deine Begeisterung zu lesen 😀

    500 HM, ächz … Wenn ich bedenke, was die beim Bergwandern für eine Anstrengung bedeutet haben … 🙄

    Weiter so, mein Lieber. Ich freue mich mit Dir!

    Moin Moin
    Volker

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    • DocRunner

      Lieber Volker,

      Du hast also bereits Vorahnungen, wenn Du meine Beitragstitel liest? Da muss ich mich in Zukunft dann noch mystischerer Titel bedienen 😉
      Dieses Schmatzen und Schlürfen von Schuhen im Matsch ist schon ein sehr einzigartiges Geräusch und mit nichts anderem zu vergleichen. Die Höhenmeter dauern beim Wandern auch meist fast doppelt so lange, deshalb ist das Wandern viel anstrengender :mrgreen:

      Danke für Deine motivierenden Worte, ich werde mein Bestes tun

      Salut
      Christian

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  • Anna

    Lieber Christian,

    das hört sich nach einer wunderbaren Lauf an, genau nach deinem Geschmack. Pure Lauffreude 😀 Vor allem ist es sehr schön zu lesen, dass deine Freude am Laufen voll und ganz zurückgekehrt ist!

    Liebe Grüße Anna

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    • DocRunner

      Danke liebe Anna,
      ja, es war ein Lauf zum genießen, das hätte Dir sicher auch gefallen. Ich hoffe Du bist auch auf dem Weg der Genesung, ich drücke Dir die Daumen und werde beim nächsten Lauf an Dich denken.

      Salut
      Christian

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  • Frank Biermann

    Wirklich schade das du diesen perfekten Lauf nicht auch in Bildern festhalten konntest! Aber man hat auch beim Lesen gespürt das du einen riesigen Spaß dabei hattest! Und das natürlich auf deinem Lieblingsuntergrund! Schmatz! 🙂

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  • Bianca

    Liest sich klasse! Und auch ohne Fotos kann ich mir das Ganze sehr gut vorstellen. Eine gute Restwoche mit vollen Akkus.
    Viele Grüße
    Bianca

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  • Din

    Wie wunderbar. Man spürt direkt die Lust am Laufen. Es liest sich wirklich richtig gut.

    Hier hat es das Wetter auch feuchtfröhlich getrieben. Geschmatzt hat es zwar nicht, aber das kommt sicher noch. Aber klar, hält dann sicher trotzdem niemanden davon ab, richtig durch die Suppe zu laufen.

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    • DocRunner

      Danke Din,
      ein Lauf durch Modder und Morast sind mit das Beste was es gibt, es wird dann erst unangenehm, wenn der Schuh dabei stecken bleibt und man in Strümpfen oder barfuß versucht den Schuh zu befreien und wieder anzuziehen 😉

      Salut
      Christian

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  • das lauferei

    Klasse, beim Lesen kam es mir vor, als hätte dich jeder deiner Schritte geküsst – nicht nur akustisch 😉
    Ich verstehe sehr gut, warum du weder Kamera noch Handy dabei hattest, mir geht’s genauso. Laufen ohne Ablenkung, Genuss pur!

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    • DocRunner

      Danke, Harald,
      oft scheitert das Mitnehmen einer Kamera nur an den Möglichkeiten diese während des Laufs unterbringen, da ich bei Läufen bis zwei Stunden selten einen Rucksack dabei habe. Im Winter kommt die Kamera dann in die Jacke, da ist sie immer am Mann 🙂 Dennoch können die Bilder nicht diese Gefühle und das Erlebte wiedergeben.

      Salut
      Christian

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  • Blumenmond

    Ja, das sind die Heldenläufe. 😉 Ich hab wenig von solchen Trails hier bei mir in der Gegend aber es liest sich toll.

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    • DocRunner

      Liebe Anja, mit Heldentum hat es nichts zu tun, obwohl der Stolz da ist 😉
      Diese Waldpfade gibt es fast überall, entweder durch die Jäger oder die MTBler, die diese schon Jahrzehnte ausgefahren haben…

      Salut
      Christian

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      • Blumenmond

        Ja, das Heldentum ist auch irgendwie anders besetzt, nicht im ursprünglichen Sinne sondern soll heißen… macht einfach ganz viel Spaß. ;-)) Glaub mir, hier direkt bei mir vor der Haustür gibt es keine ausgefahrenen Wege. Ich wohn doch sooo städtisch. Aber je weiter ich laufen kann, um so eher hab ich ne Chance.

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        • DocRunner

          Wenn es nach dem Spass beim Laufen geht, dann bin ich momentan sicher ein Held 😛
          Naja, einsame Pfade finden sich nicht ganz so einfach, aber wenn Du im Winter unterwegs bist, wenn das Laub nicht mehr die Sicht versperrt, kannst Du fast in jedem noch so kleinen Hain schmale Pfade erkennen, da bin ich mir ganz sicher. Mitten in der Stadt wird es dann schon schwierig…

          Salut
          Christian

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  • Markus

    Wald? Trail? Ausblick ins Remstal?
    Wo genau bist du gelaufen? Ist ja praktisch bei mir ums Eck 😉

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  • Claudi

    Toll geschrieben! Vielen Dank, dass Du diesen Lauf mit uns geteilt hast. Ich bin begeistert!

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  • SilberLäufer

    Das war wieder einmal ein Genuss-Posting! Kann mir gut vorstellen wie es dir dabei ergangen ist, weil ich ja in meinen Breiten vorwiegend im Gelände unterwegs bin!
    Dass du keine Kamera dabei hattest finde ich gut. Das hatte ich in all den Jahren nur ein paarmal gemacht um einige Strecken optisch zu dokumentieren. Aber es lenkt ab! Und gerade bei so einem Lauf gilt es eins zu sein mit der Natur – und sonst nix! Du sagst ja selbst „Dieses Gefühl und diese Eindrücke lassen sich nicht auf eine Speicherkarte bannen.“

    Ich wünsche dir eine schöne Zeit und noch viele „Schmatzereien“
    Alles Gute – Reinhard

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    • DocRunner

      Lieber Reinhard,

      solche Berichte immer zu verfassen, wäre mein Wunsch, aber wir wissen, dass es manchmal nicht so läuft. Umso glücklicher bin ich, dass ich gerade so unterwegs bin. Ganz sicher kommen auch wieder härtere Zeiten 🙂
      Wenn die Kamera dabei ist, werden auch Bilder gemacht, aber oft genug ist es einfach schöner ohne den Gedanken an eine geeignete Motivsuche durch den Wald zu rennen.
      Ich wünsch Dir auch alles Gute

      Salut
      Christian

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